Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

Page: 2514
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^ ^rt allen Farben,

Ä6 Niquel Kanzler soll werden.

Das rügt in der Zukunft Zchooss.

Noch isi seines Amtes Beschwerden
Der Änkel Lgtodwig nicht los.

Doch einen Vorzug indessen
Der Niquel in Anspruch nagm -
Was nie Kogenloge besessen.

Kat Niquel. er gat ein Programm.

Ls gleicht dem Programm nicht, dem alten,
Das einst Kerr Niquel schon
Zo tapfer gochgegalten,

Non Umsturz und Rebellion.

Lr ist seht den Nittelparteien.

Den guten, immer gold.

Zofern sie igm Nittel verleigen.

Zei's Zilöer oder Sold.

besonders aber die Rechte
Kat seine Zgmpatgie,

Was immer der Kardorff verfechte.
Herr Niquel verwirft es nie.

And kann er ..ha" nicht sagen.

Zo sagt er auch nicht ..Nein".

Ls flösset ein grosses Schagen
Der Junker Kunst igm ein.

Doch auch die Industriellen
Nergisst Kerr Niquel nicht.

Nit ignen sich gut zu stellen.

Kilt igm als goge Pflicht.

Dem Anternegmerschmerze
Leigt er sein Ähr darum.

And in sein grosses Kerze
Zchliesst er den König Ztumm.

And was gewünscht von Äben,
Was immer es mag sein -
Der Niquel muss es loben.

Dem Niquel leuchtet's ein.

Lr ist für grosse Flotten.

Für starkes Nilitar

Die ..vaterlandslosen Rotten".

Die schaffen das Keld igm her.

Dies das Programm, das weise.
Des ..kommenden Nannes" ist.
Zo zieget seine Kreise
Der alte Kommunist.

Salb schillert er als Agrarier.
Dann wieder als Zchlotöaron,
Kalb ist er Jude, halb Arier -
Lr ist ein Lgamäleon.

Blihdrahk -Meldungen.

Berlin. Die Bayreuther Wagner-Festspiele bekamen in Berlin Konkurrenz, da der
Polizeiminister von der Necke als „reiner Thor" auftrat, als er seine Weltunkenntniß in
vereinspolitischen Dingen bekundete.

— Herr v. Stumm hat Gendarmen requirirt, welche die abspringenden Abonnenten
seines Organs, der „Post", wieder einfangen sollen. Man hofft, auf diese Weise dem Blatte
die letzten zehn Abonnenten zu erhalten.

puttkamerun. Unter den Agrariern steht eine Hungerrevolte in Aussicht, weil
ein entsetzlicher Mangel an Austern herrscht. Es sollen zunächst, um die dringendste Roth
zu stillen, einige Hundert Tonnen Austern auf Staatskosten geliefert werden.

Petersburg. Zu Ehren des Oberhauptes der französischen Republik, des Herrn
Faure, welcher in Rußland offiziell zum Besuch erscheint, wird eine öffentliche Ausknutung von
Redakteuren oppositioneller Blätter und Schwärmern für eine russische Verfassung stattsinden.
Es steht noch dahin, ob nicht einige ganz besonders hervorragende russische Gelehrte feierlich
aufgehenkt werden sollen.

Inhalt der Unterhaltungs-Beilage.

Amand Goegg f. Mit Porträt. — Lieder eines Sklaven.
(Jllustrirt.) — Ehrliche Leute. Gedicht. — Des Wanderbur-
schen Freud und Leid. III. (Jllustrirt.) — Ein lukullisches
Mahl. (Extra-Beilage.)

Allerhöchste Keifende.

Da war der König der Siamesen,

Dem noch kein Bebel den Schlummer stört.
Der hatte von europäischem Wesen
Auf seinem Thrönlein so viel gehört.

Daß kurz entschlossen er auf sich machte
And wissensdurstig gen Westen fuhr.

Damit er eigenängig betrachte
Die Wunderwerke der Weltkultur.

Lr zog mit etlichen schon gewitzten
Stützen des Reiches von Vrt zu L>rt.

Besah die Dinge sich aus geschlitzten,
verschmitzten Aeuglein und sprach kein Wort.
Die Instrumente, likaschinen und Uhren.

Die waren freilich in Siam nicht Brauch,
Soldaten indessen und Pfaffen und H .. . .
Und Schranzen und Henker, die hatte er auch.

Ls faßte ihn schließlich ein richtiger Lkel
(Man spricht das natürlich, verblümt selbst,

nicht aus)

vor all dem Keprahle des 6n de sifecle —

Lr packte die Koffer und dampfte nach Haus,
Und nach den geschminkten, gepuderten Lügen,
Chat er sich selber im Stillen den Schwur:
„Nie seht ihr mich wieder! Das wahre vergnügen
Liegt doch in der heimischen Unkultur!"

Da war Herr Felix, der frühere Kerber,

Der Dilettant der Begierungsknnst,

Lin unverdross'ner und brünstiger Werber
Um seines zarischen Freundes Kunst.

Der hat so lange ein sehnendes Schmachten
Rach russischer Unkultur genährt.

Daß, in der Nähe sie zu betrachten.

Im Kalafrack er nach Rußland fährt.

Nach sklavischer Slavenart gefeiert.

Träumt Felix schwelgend den Herrschertraum;
Und von Lntzücken den Blick verschleiert.
Staunt er und lächelt und athmet kaum.
Ordentlich feierlich wird ihm zu Nuthe:
Weihrauchgedüfte und Klockengetön,

Kaviar, Juchten. Thampagner und Knute.
Hurrahgeschrei und Kanonengedröhn!

O um die hyperkulturlichen Schmerzen.

Die seiner heimischen Herrschaft gesellt!
Thränenden Auges, mit blutendem Herzen
Reißt er sich los von der russischen Welt.

All seine Pulse fiebern und schlagen.

Stilvoll, gigantisch kommt es ihm vor,

Nöcht' es auf Krankreich gern übertragen.
Wenn er's vermöchte, er, Felix Faure!

Viel Ehr', viel Beschwer.

Die Nationalliberalen,

Die zerrte man hin und her,

Daß ihnen verging das Prahlen,

Wie groß auch und selten die Ehr'.

„Das Vereinsgesetz sollt ihr verwerfen.

Sonst brecht ihr infam euer Wort!" —
„,Nein, nein, ihr müßt helfen verschärfen!"'
So schallt es von hier und von dort.

Da ward bei der großen Ehre
Gerad' wie bcnt Frosch ihnen bang,

Den zwei Enten gepackt in der Quere
Und zogen die Beine ihin lang.

Experimente am lebenden Objekt.

Nur die leidenschaftliche Liebe zum deutschen
Volk vermag bei den edlen Junkern immer neue
Einfälle zu erivecken, so daß ihnen gegenüber
die Erfindungsgabe des größten Dichters als
blöder Stumpfsinn erscheint. Jetzt wollen sie die
Grenzen gegen alles ausländische Getreide ab-
sperren — versuchsweise nur auf sechs Monate.

Mit dieser Zeitklanscl zu ihrem Vorschlag be-
treten sie, genial wie immer, einen ganz neuen
Weg. Wir kommen nunmehr zu den sozial-
politischen Experimenten im Großen, die an dem
stets geduldigen lebenden Volkskörper angestellt
iverden sollen. Tiefgreifende Reformen — auf
Zeit, so heißt jetzt die Parole. Nur ans sechs
Monate! Wen sollte diese echt junkerliche Be-
scheidenheit nicht zu Thränen rühren!

Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Deshalb
wird man es noch mit anderen, ähnlichen Re-
formen versuchen. In Uebereinstimmung mit der
Regierung werden die Junker beantragen: die
Aufhebung des allgemeinen, gleichen und geheimen
Wahlrechts im Reiche — nur für nächstes
Jahr. Ferner: das Stillliegen sämmtlicher Eisen-
bahnen und Dampfschiffe — nur auf zwei
Jahre; das Einbehalten sämmtlicher Arbeitslöhne
in Deutschland — nur auf drei Monate.

Um den Junkern und ihrer Regierung ein
freundliches Entgegenkommen zu beweisen, werden
von der sozialdenwkratischen Fraktion einige ähn-
liche Anträge eingebracht werden: Aufhebung der
Gesindeordnung — nur auf ein Jahr; Auf-
hebung des Majestätsbeleidigungsparagraphen —
nur auf acht Tage; Einführung der Volks-
wehr — nur auf zwei Jahre; Aufhebung des
Privateigenthums an den Produktionsmitteln und
am Grund und Boden — nur auf fünf Jahre.

Durch unsere Expedition ist zu beziehen: Wahlgesetz für den Deutschen Arichstag nebst Vrglrrueul zur Ausführung des Wahlgesetzes. Mit Anhang: Programm
der Sozialdemokratischen Parier Deutschlands. Preis pro 100 Exemplare Mk. 2.—, pro 1000 Exemplare Mk. 15.—
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