Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

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Eempors

M.'o sind sie bin, die ewig-scböiten Tage,

Zn denen nocb dem gläubig läuscbenden,
lilerbobrteit Spiesser eine Gänsebaut
Dinab den Micken lief beim blossen Mort
„Amsturzpartei"? wo mit dem rotbeit Mauwau
/Dan in ein /Dauselocb den Armen scbreckte
And wo er zitterte am ganzen Leib,

Menn an der Mand Ln riesigen '«Konturen
Das knallrotb-gransige Gespenst erscbten?

Mo sind sie bin, die ewig-scbönen Tage»

Zn denen die Wekenncr unsrer Lebre
Abmalen konnte jede teile Dand
Als robe, wüste, struppige Gesellen,

Aus deren einer Tascbe eine Flascbe
Petroleum lugte, aus der andern aber
Gebraucbsbereit die Dpnainitpetarde?

Mer's beute tbut und solcbe Ikäuze giebt's
Stellt nur das Leugniss geist'ger Wettelarmutb
Sieb selber aus und kaum in Dtnterpommern
Glaubt man an solcbe Faseleien nocb.

/Dan siebt die Wilder an» man zuckt die Achseln,

mutantur.

Za, selber wer uns wie die Sünde basst,

Zn Angst und Ltttern, muss im Stillen denken:
„Za, wenn es das nur wäre, guter /Dann,

So quölle uns der Wissen ntcbt im /Dunde,

So seblieten rubig wir und obne Sorge,

So graute uns vor keiner Ikeicbstagswabl.

Glatt ist die Gbertläcbe, still und triedlicb,

Die Anterströmung aber, die zu messen
Das grosse Ikunststück ist, sie ängstigt uns,
Die ungebeure Gäbrung der Gemütber»

Die denen recbt gtebt, wenn aucb naeb und nacb
Anö zögernd nur, die scbon seit langen Zabren
Furchtlos Ikritik geübt am neuen Ikeicb
And die sogar der Deros von Varzin
Amsonst zu beugen und zu brecben suchte.

Mo alles wankt und splittert, wo das Starre
Zn Fluss gerätb, blickt unwillkürltcb inan
Aut die Partei, die ein Prinzip vertritt
And einen Ausweg aus dem Mirrsal zeigt.
Drum sind sie ernst, sogar sebr ernst zu nebmen —
Die Leit der taden Mitzcben ist vorbei!"

Inhalt der Unkerhaliungs-Beilage.

Der Zug nach links. Gedicht von M. K. — Der für-
nehme Rausch. Gedicht. — Die Fahnen. — Die guten Vor-
sätze. Gedicht. — Missionstaktik. — Lieder eines Sklaven.
(Jllustrirt.) — In der Sommernacht. Skizze aus einer amerika-
nischen Großstadt. — Schnitzel. — Des Wanderburschen Freud
und Leid. IV. (Jllustrirt.) — Der verkannte Agitator. Eine
wahre Geschichte. — Du sollst nicht stehlen. — Spatzenphilo-
sophie. — Schein und Wirklichkeit. — Selbst ist der Mann. —
Gedankensplitter. — Die Entwicklung vom Geldschrank bis
zum Geheimen Kommerzienrath. (Illustration.) — Die Pension
im Kornfeld. (Jllustrirt.) — Im Münchner Hofbräuhaus.
(Jllustrirt.) — Briefkasten. — Neues vom Büchermarkt.

Die Spitzel-Internationale.

Kern im Süd, im schönen Spanien
Ward ein Staatsmann maffakrirt —
Ach, wie haben da die Spitzel
Ganz Europas triumphirt.

Denn sofort ertönte wieder
Der Philister Angstgeschrei,

Die um Schutz und Pilse flehen
Bei der hohen Polizei.

Und ein Weckruf ist ergangen.

Und ein Antrag wird gestellt.

Daß zum Bündniß sich vereine
Alles Spitzelthum der Welt.

Line internationale
Allgemeine Spitzele!,

Tausch und Sternberg, Ihring-Nahlow
Und perr Pourbaix ist dabei.

Ja, Herr Pourbaix wird uns schützen
vor verbrecherischer That,

Im Verein mit den Kollegen
Wird er retten oft den Staat.

Und an glänzenden Erfolgen
Ls dann nimmer fehlen kann.

Denn sie werden selber spinnen.

Was sie schlau „entdecken" dann.

Bliemchens Badereise.

Von ihm selbst erzählt.

„Wees Knäbbchen, ich wäre zu dicke", sngd'
ich mer eenes scheenen Dagcs, wie de audomad-
sche Waage meine gewichd'ge Berseenlichgeed uff
hundert Gilo geschätzd hadde. Was is da zu dhun?

„Marienbad!" sagdc mei Dokder.

„Ooch gilb, gehn mcr mal vier Wochen nach
Marienbad, lähm nier gurgemäß un gomm mer
als Schkeledmensch wieder heeme", war meine
Andword.

Gesagd, gedahn. Ich schnierde mei Bindel,
das heeßd: zwee große Goffer, sechs Schachdcln
un drei Backedcl, schickde den gansen Glumbadsch
mid zwee Dienstmänncrn voraus un dahd noch
emal ordcndlich frieschdicken un zwee Flaschen
Wein drinken, um mich vor die gurgemäße Nod-
leiderci zu schdärkcu. Nachher busselde ich seclen-
vergniegd zor Bahn.

Wie ich in de große Bahnhofshalle dräde, da
wehd mich uff ecmal ä galdcr Zugwind an un
ich nmß hefdig niesen.

„Hautzu!" schrei ich daderbci, un ziehe mei
Schuubbdichel raus.

De Umschdehendcn guckden sich nach mir um
un lachdcn, aber ä Schandarm, der derbe! schdand,
sagde, ich sollde hier geen solchen Schbeckdagel
machen.

Na, ich denke, der Gerl will mich verulken
un lache'n ins Gcsichdc und sage:

„Das machen Se gud, Sie Oogc des Gesetzes!
Mcr wärd doch noch ä bissel niesen dhun dürfen!"

„Aber nich so cxzessief", andworded der, un
um uns rum bild' sich ä gnibbcldicker Bienschen-
schwarm.

„Ei ja", sag' ich, „das missen Se mid meiner
Nase ausmachcn, ich Hab' Sie nämlich so änne
laude Nase."

Rundum lachd nu Alles un ich lache am
niehrschden — ich war Sie nämlich grade rcchd
fidel, von wägen den zwee Flaschen Wein, missen

Se wissen. Der Schandarm aber schreib, ich
dähde groben Unfug verieben un er wollde mich
verarrethier'n.

„Oho!" sag' ich. „Wenn Sie meine Nase
nich gefälld, Hernachens sein Se so gut un ver-
schreiben Se nur änne andere, die's richd'ge bole-
zeihliche Geduhe had."

„Einschdeigcn!" schreib da der Schaffner.

Sie sein arrethierd!" brilld mich zu gleicher
Zeid der Schandarm an un backd mich bei'n
Schlaffiddchen.

„Ree, härnse, da sein Se schief gcwickeld,
daderzu hab'ch grade gar gceue Zeid, ich fahre
Sie nämlich nach Marienbad", sag' ich un gäbe
den Schandarm än Schubs, daß er mich los-
lassen mußde. Nu drängd' ich mich dorch de
Menge un wollde einschdeigen, aber denken Se,
daß ich daderzu gegomm' wür? I goddbewahre!
Einfangen dahden se mich un dahden mer de
Hände binden un wie se mich aus der Halle naus-
baddalgden, fiff gerade der Zug un machde sich
dinne.

„Na, die Badereese fängt gud an", dachde ich
mir, un ergab mich in mein Schicksal.

Nach eener gleenen Schdundc saß ich in eener
engen Gabine bei eenen Gruge Wasser. De gur-
gemäße Läbensweise fängd schon an, brummde
ich, un dahd eenen gräfd'gen Schluck. Das Fenster
von mein Quardier war gans oben an der Decke
un hadde eiserne Gidder, was gans ieberflissig
war, denn ich hädde meinen Gorbus ooch so nich
dorch de Lucke gebrachd. In der Ecke schdand ä
ganz verdächd'ger runder Behälder, der ä gewisses
Aroma verbreiden dahd, um de Lufd zu vcr-
schlcchdern.

„Na, das merk' ich schon, ä Lufdgurord iS
das hier nich", sagd' ich zu mein' Diener, der de
rein gam, um mir zu zeigen, wie mcr de Bcdd-
schdelle losmachd, die de nämlich an de Wand
angeschnalld war.

„Das Hodcll gefälld mir nich, da wär' ich
bald auszieh'n."
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