Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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82 BESPRECHUNGEN.

Ernst Meumann, System der Ästhetik. Leipzig 1914 (Wissenschaft und
Bildung Bd. 124). 144 S.

Meumanns ästhetische Ansichten lernte man bisher am besten aus seinem
großen Aufsatz über die Grenzen der psychologischen Ästhetik in der Heinze-Fest-
schrift (1906) kennen. Dort war versucht, die Unzulänglichkeit der psychologischen
Betrachtungsweise und die Notwendigkeit einer objektiven Ästhetik nachzuweisen.
Als eine Ergänzung jenes Aufsatzes kann man das »System« betrachten, das sich
der Schrift des Verfassers »Einführung in die Ästhetik der Gegenwart»: in derselben
Sammlung anschließt.

Es ist klar, daß sich auf kaum anderthalb hundert Seiten nur ein kurzer Abriß
eines Systems der Ästhetik geben läßt. Aber auch auf diesem engen Räume wäre
etwas Geschlosseneres, das einem System wenigstens ähnlich gesehen hätte, mög-
lich gewesen. Für die vorliegende Schrift ist jeder Titel geeigneter als der eines
Systems. Meumann will in diesem Abriß die ganze Ästhetik aus einem einzigen
Grundgedanken entwickeln. Die schöpferische Tätigkeit des Künstlers, überhaupt
die Motive, aus denen menschliche Kunsttätigkeit hervorgeht, haben die Welt der
Kunst und des Schönen hervorgebracht — sie bilden daher auch den Ausgangs-
punkt und den maßgebenden Gesichtspunkt für das Verständnis dieser Lebens-
gebiete. Das ästhetische Genießen kann nur in seiner Abhängigkeit von dem
objektiven Tatbestande der Kunst verstanden werden. Die rein psychologische
Ästhetik steht den Hauptfragen der Ästhetik und der Kunstwissenschaften gegen-
über hilflos da. Für die Bestimmung der Eigenart des ästhetischen Genießens
und Urteilens sind die objektiven Grundlagen maßgebend, und diese kann
der Psychologe mit seinen Mitteln nicht nachweisen. Die Motive des Kunst-
schaffens aber stammen nur zum Teil aus der Anlage des Menschen, sie sind in
hohem Maße objektiv und zeitlich bedingt. Kunstgeschichtliche, vergleichend-
kulturgeschichtliche, biographische und kunstanalytische Methoden müssen also zur
Ergänzung der psychologischen herangezogen werden.

Für die Ästhetik als Wissenschaft von einem bestimmten Lebensgebiet muß
derjenige Gesichtspunkt der maßgebende sein, der auch im Leben den maßgeben-
den und primären bildet. Die psychologische Betrachtungsweise genügt nur für
die subjektiven Bestandteile dieses Lebensgebietes (die geistigen Vorgänge im
künstlerisch genießenden und urteilenden Menschen, den Prozeß des Schaffens).
Aber selbst die Vorgänge im ästhetisch genießenden Menschen sind als ein Nach-
erleben der Kunsttätigkeit und ihrer Werke endgültig nur aus diesen selbst zu ver-
stehen und fallen daher nur zum Teil in den Bereich der psychologisch-ästhetischen
Untersuchung.

1. Das spezifisch Ästhetische. Die Einteilung der Künste. Die ästhetischen
Kategorien. — Die Frage: Was ist das Ästhetische, was verstehen wir unter dem
eigentlich Künstlerischen ? nennt Meumann das erste Grundproblem der Ästhetik.
Er beantwortet die Frage durch ein Beispiel: durch die Unterscheidung von künst-
lerischer Form und handwerksmäßiger Zweckform. Die reine Zweckform entstammt
einem anderen Motiv als die Kunstform. Jene geht auf das Motiv der Zweck-
mäßigkeit, diese auf die Motive des Ausdrucks und der Darstellung zurück. Die
eine entspringt dem Verstände, die andere dem Gefühlsleben und der Gestaltimg
durch die Phantasie. Eine »Zutat«, ein »Plus« macht die Zweckform zur künst-
lerischen. Die Schönheit eines Dinges deckt sich in keinem Fall mit seiner Zweck-
mäßigkeit.

Das zweite Grundproblem ist die Frage nach der naturgemäßen Einteilung und
dem System der Künste. Gibt es eine Grund- und Urkunst, haben alle Künste
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