Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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BESPRECHUNGEN. 93

James Mark Baldwin, Das Denken und die Dinge oder genetische
Logik. Band III: Das Interesse und die Kunst. Der realen Logik I. Gene-
tische Epistemologie. 324 S.
Im Zusammenhang seines großen Werkes bietet der Verfasser als IV. Teil des
vorliegenden Buches einen Abschnitt, der den »Schein und das Ästhetischem be-
handelt (S. 177—266). Vier Kapitel handeln von der »einfachen ästhetischen Erfah-
rung«, der ->reflektiven ästhetischen Erfahrung«, von dem »ästhetischen Objekt, dem
Kunstwerk« und von den »Triebfedern der Kunst«. Sein System nennt der Ver-
fasser ästhetischen Immediatismus, die Theorie seines Verfahrens Pan-Kalismus
(tö y.aXöv tl'/v ist dem Buche als Motto vorangestellt). Im Kunstwerk wird der Dua-
lismus des Inneren und Äußeren, des Selbst und des Objekts überwunden; die
Zwiespältigkeit der Vermittlung ist verschwunden (Vermittlung ist die eine Kontrolle
gestattende Beziehung einer Erfahrung zu einer anderen). Die Wirklichkeit wird
hier weder vorausgesetzt noch gefordert, sondern unmittelbar erfaßt. Die ästhe-
tische Erfahrung ist keine nebensächliche Erscheinung, keine oberflächliche Wieder-
gabe dessen, was seine »wahre« Realität in Wahrheit und Nützlichkeit findet, son-
dern bietet den tieferen Sinn dar, von welchem Wahrheit und Nützlichkeit teilweise
und ungezeitigte Faktoren sind (S. 303). Der Pan-Kalismus gelangt mithin zu dem
Schluß, »daß wir in der ästhetischen Kontemplation die vollste Enthüllung dessen
erhalten, was die Wirklichkeit bedeutet«.

Das Ästhetische wird von Baldwill als Scheinmodus bestimmt. Die Überein-
stimmung mit Groos, dem der Verfasser in der Wertschätzung der organischen
Empfindungen für den ästhetischen Genuß nahesteht (sein Werk ist William James
gewidmet), tritt mehrfach hervor. Spiel und Kunst werden jedoch geschieden: im
Gegensatz zum Spiel wird von der Kunst eine gewisse Beschränkung ihrer Freiheit
behauptet. Das Spiel idealisiert auch nicht. Der Begriff der bewußten Selbst-
täuschung wird übernommen. Der Akt der Selbsttäuschung ist auf zweierlei Weise
möglich: das Leben und die Betätigung des Objekts können in unser eigenes Leben
herübergenommen werden — oder wir erfassen im Objekt ein Selbst vermöge einer
Bewegung des Mitgefühls. Der ästhetische Schein unterscheidet sich von dem zum
Spiel gehörigen durch die Fortentwicklung des Motivs der Personifikation zu dem
der Identifikation.

Nach der Trennung des ästhetischen Negativen (ästhetisch nicht Beachteten)
vom negativ Ästhetischen, d. h. Häßlichen (häßlich sind Dinge, die sich der Ideali-
sierung entziehen und eine persönliche Einfühlung nicht zulassen) untersucht der
Verfasser das ästhetische Urteil. Das ästhetische Urteil ist eine Behauptung über
das Ästhetische; »es besteht nicht in einer direkten Wiedergabe des Ästhetischen,
und ebensowenig erweist es sich selbst als eine ästhetische Funktion«. — Auf die
Tatsache der Identifikation wird in dem Abschnitt über die höhere ästhetische
Sympathie (Einfühlung) zurückgegangen. Der Verfasser sagt geradezu: »jeder Künst-
genuß ist von einer Identifikation des Selbst mit dem ästhetischen Objekt be-
gleitet . . .« (S. 221).

Im ästhetischen Schein soll etwas so hingenommen werden, als würde es in
gemeinsamer Betrachtung sozial geglaubt. Der Künstler sagt: »es ist mein Herz-
blut, aber es gilt für alle: kommt und seht es alle, wie ich es sehe« (S. 224). Die
Kunst hat symbolische Bedeutung. Ihr Ursprung ist in der Phantasie zu suchen,
die sich in zwei Formen: nachahmend und selbstdarstellend äußert. Der Nach-
ahmung entsprechen die darstellenden, der Selbstdarstellung (Ausdruck) die deko-
rativen Künste. Baldvvin verfolgt den Selbstdarstellungstrieb bis in das Tierreich
hinab. Aber auch die Selbstdarstellung kann schließlich auf eine Art von Nach-
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