Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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VIII.

Das Problem der Schönheit und die Methoden

der Ästhetik.

Eine Studie auf Kantischer Grundlage.

Von

Sverre Klausen.

Vielfach verschlungen sind die Pfade der Forschung, die sich um
das Problem der Schönheit bemüht. Die Absicht dieser Arbeit ist es,
eine Übersicht über die von der ästhetischen Forschung eingeschla-
genen Richtungen zu geben. Indem diese Richtungen geordnet wer-
den nach ihrem Verhältnis zum Problem der Schönheit, wird zugleich
eine Anbahnung zur Lösung der methodologischen Streitfrage zwi-
schen Psychologie und Erkenntniskritik in bezug auf das ästhetische
Gebiet versucht*).

Was ist Schönheit? Ist es eine bestimmte Eigenschaft der Dinge?
Ich habe vor mir eine schöne Landschaft und ich frage mich: worin
steckt ihre Schönheit? Etwa in der Farbe? Aber diese Farbe würde
einer anderen Landschaft, wie mir eben einfällt, nicht gut stehen. Die
Farbe an sich kann es also nicht sein, die die Schönheit der Land-
schaft ausmacht. Liegt sie vielleicht in der Form der einzelnen Dinge,
z. B. jenes Baumes, der droben auf der Höhe steht, und unseren Blick
unablässig anzieht? Indessen — wenn er an einem anderen Orte
stände, würde seine Form nicht mehr fesseln. Trotzdem würde die
Landschaft vielleicht durch eine solche Veränderung einen wesent-
lichen Teil ihres Reizes verlieren. So scheint die Schönheit überall,
doch nirgends greifbar zu sein.

') Von namhaften Vertretern sowohl der psychologischen als der erkenntnis-
kritischen Forschung wird in der Gegenwart das Bedürfnis nach einer prinzipiellen
Klärung dieses methodologischen Gegensatzes stark betont. Unter den Psychologen
findet z. B. Karl Groos eben in bezug auf das ästhetische Gebiet, daß diese
Methodenfrage >dringend der weiteren Bearbeitung bedarf«*). Unter den Erkennt-
nistheoretikern nennt Windelband die feste Abgrenzung gegen den Psychologismus
»eine Lebensfrage für die Erkenntnistheorie«b).

a) Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts. Festschrift für Kuno Fischer,
herausgegeben von Windelband. I, II, Heidelberg 1904—1905. Bd. II, S. 139.
b) Die Philosophie im Beginn usw. Bd. I, S. 170.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. X. 16
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