Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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BESPRECHUNGEN. 361

fest des Expressionismus, als Kunstprodukt, nicht als wissenschaftliche Leistung
wird man auch dies Buch gelten lassen, das ein kenntnisreicher äußerst impressio-
nabler und vielleicht der Worte nur zu mächtiger moderner Mensch geschrieben.
Die Zeit wird zeigen, ob der Expressionismus dieses Buches länger bestanden haben
wird als die Kunst, die sich schon jetzt auf ihn beruft.

Marburg i. H. Richard Hamann.

F. Schröder, Die gotischen Handelshallen in Belgien und Holland.
Duncker und Humblot, München und Leipzig, 1914. 4°. 65 S.

F. Schröder zeichnet in seinem Buche ein klares Bild belgischer und holländi-
scher Hallen gotischen Stils. Es wird sachlich auseinandergesetzt, welchen Charakter
jene Bauten tragen und wann sie entstanden sind; zugleich werden ihre äußeren
Entstehungsbedingungen gekennzeichnet. So sind künstlerische Leistungen in über-
zeugender Weise mit geschichtlichen ■ und kulturgeschichtlichen Tatsachen in Ver-
bindung gebracht, oder besser gesagt, enge ursächliche Beziehungen werden auf-
gewiesen, in denen die Kunst zu geschichtlichen und volkswirtschaftlichen Ereignissen
steht. — Sowohl der praktische Zweck, zu dem der betreffende Bau dienen soll,
als auch die damalige Sehgewohnheit wird von Schröder ins Auge gefaßt, wenn
es gilt, eine neue Bauform zu erklären. Wir werden z. B. darauf aufmerksam ge-
macht, wie die Fleischhalle zu Gent sowohl kirchlichen als auch wehrhaften Charakter
zeigt und doch schon zu einem ausgesprochenen Handelstyp überleitet.

Schröder legt in erfreulicher Weise die mannigfaltigen Fäden bloß, die sich
ursächlich um Kunstgebilde schlingen. Ist doch ein Kunstwerk kein ursachloses,
vom Himmel gefallenes Etwas, sondern ein vielverkettetes Glied wie alles Wirk-
liche. — Leider sind die stilistischen und rein ästhetischen Probleme, die Schröder
nur gelegentlich streift, im wesentlichen ungelöst geblieben.

Berlin. Alfred Werner.

Momme Nissen, Der Krieg und die deutsche Kunst. Herdersche Ver-
lagsbuchhandlung, Freiburg i. B. 1914. 8°. 63 S.
Momme Nissen vertritt die Überzeugung, die Kunst solle vor allem »mit dazu
dienen, das hell emporgeloderte Feuer des Vaterlandsgeistes zu einer unverlösch-
lichen Lichtglut am heimischen Herd umzuwandeln«. Die Kunst ist nach Nissen
ein Mittel, das Vaterlandsgefühl zu kräftigen. Selbstverständlich handelt es sich
hier um rein äußerliche Fragen, um den Inhalt der Kunst, um das »Was«, nicht
um das »Wie<. Die Berechtigung, Kunst unter inhaltlichem Gesichtspunkt zu be-
trachten, wird man gerne zugeben. Ich glaube jedoch, es dreht sich in diesem
Falle nicht um künstlerische, sondern um kulturgeschichtliche Probleme. Zweifellos
gibt es nun Kunstwerke — ich denke an Liliencrons Kriegsnovellen — die unsere
Vaterlandsliebe heller auflodern lassen; patriotisch begeisternde Wirkung von jedem
Kunstwerk aussagen heißt die Tatsachen gröblich entstellen und eine Besonderheit
willkürlich verallgemeinern. Unzählige Beispiele, die einem jeden von uns ein-
fallen, zeugen gegen Nissens einseitigen Standpunkt. In seinem zweiten Kapitel
predigt Nissen Abkehr der Kunst von Paris: »Wir müssen die Ablösung von dem
Herd des Unsegens vollziehen.« Nissen gehört wie ehemals Anton von Werner
und neuestens Lovis Corinth zu den Undankbaren, die absichtlich vergessen, daß
unsere besten Maler an jenem »Herde des Unsegens« ihr Feuer entzündet haben.
Die keusche Abgeschlossenheit, die Nissen von deutscher Kunst fordert, würde
bald schwächliche, langweilige Epigonenhaftigkeit zeitigen. Als Gewährsmann nenne
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