Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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XI.

Vom Schaffen des Künstlers.

Von

Emil Utitz.

Die Arbeit am zweiten Bande meiner »Grundlegung der allgemeinen
Kunstwissenschaft« gestattet kein Stehenbleiben bei methodischen und
prinzipiellen Untersuchungen, sondern erfordert auch ein Eingehen in
Einzelprobleme, um gerade an ihnen den Tragwert der leitenden Ge-
sichtspunkte zu erproben. Auf diese Weise ist die vorliegende Ab-
handlung entstanden, deren Forschungsrichtung bestimmt wird durch
die im ersten Bande meiner bereits erwähnten »Grundlegung« ge-
wonnenen Ergebnisse. Um nicht sich selbst allzuhäufig zitieren zu
müssen, bedurfte es dieses Hinweises. Er enthält zugleich einen ge-
wissen Rechtfertigungsversuch: das letzte Jahrzehnt hat durch zahl-
reiche, zum Teil sehr gelungene Veröffentlichungen unsere Kenntnis
vom Schaffen des Künstlers wesentlich erhöht, und Max Dessoir1)
insbesondere verdanken wir die reifste und gediegenste Behandlung
unserer Frage. Ich darf sie vielleicht einer Ouvertüre vergleichen, in
die alle Leitmotive verwoben sind. Aber der Ouvertüre folgt der
strenge Bau des Dramas, der ausführt, was in jener anklingt. Und
dieser strenge Bau heißt für uns: die systematische Methode der all-
gemeinen Kunstwissenschaft. Ob und inwieweit ich nun im folgenden
durch neues Material unser Problem bereichere oder durch Aufdeckung
bisher unbeachteter Seiten verbreite, betrachte ich nicht als Haupt-
absicht, sondern die sichere Verankerung in der Methode, die Über-
windung des im höheren Sinne Zufälligen, das alle Arbeiten über das
künstlerische Schaffen durchwaltet. Wenn tatsächlich glänzende Vor-
stöße in das dunkle Reich künstlerischen Schaffens geglückt sind —
wie etwa Max Dessoir — so bildete das Rüstzeug keineswegs in
erster Linie die Wissenschaft, sondern die Individualität des Forschers:
seine glückliche Begabung. Von ihr hing allein die Fülle des Ge-
schauten ab. Nun wäre es sicherlich ein lächerliches Beginnen, Be-
gabung durch Wissenschaftlichkeit ersetzen zu wollen. Ich will nur
sagen: es gibt einen Fortschritt aus der Wissenschaft heraus, indem

') Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 1906, S. 229—275.

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