Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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Der Sprachgeist als Doppelempfinder.

Ein Beitrag zur musikalischen Psychologie und Ästhetik

der Sprache.

Von
Albert Wellek.

1. Zur psychologischen und methodischen
Grundlegung.

Neuere Forschungen1) haben mehr und mehr die „Synästhesie" oder
„Doppelempfindung" in ein neues Licht gerückt: sie haben erwiesen, daß
die „Sinnenentsprechung" in ihren allgemeinsten und zwanglosesten
Erscheinungsformen allgemeinmenschlich und gemeinverständlich, ja
überhaupt ein psychologisches Urphänomen ist; und daß demgemäß in
geschichtlichem Hinblick das Doppelempfinden, das man vordem nicht
vor dem 18. Jahrhundert nachweisen zu können glaubte, bis ins 2. und
3. vorchristliche Jahrtausend zurückzuverfolgen ist.

In dieser seiner Urgeschichte tritt nun das Doppelempfinden frei-
lich nur ganz selten als seelische Erscheinung (und Besonderheit) eines
Einzelnen auf: da es noch selten der Einzelne ist, der hier schaffend am
Werk ist. Sehr weit überwiegen vielmehr die unpersönlichen oder
(besser gesagt) überpersönlichen Sinnenentsprechungen, also Syn-
ästhesien der Massen, des Volksgeists, des Zeitgeists, des Menschen-
geists schlechthin: so auch — dynamisch wie statisch, historisch so gut
wie phänomenologisch betrachtet — die Synästhesien der Sprache oder,
um im Bilde zu bleiben, des „S p r a c h g e i s t s". Tatsächlich ist der
Sprachgeist, und zwar die Sprache schlechthin wie auch jede beliebige
Einzelsprache, so ziemlich der einzige Doppelempfinder, dessen wir in
diesen ältesten Zeiten selbst bei eifrigster Spürarbeit habhaft werden kön-
nen, und an dem bis auf den heutigen Tag die Grundsätze oder Normen
der allgemeingültigen Doppelempfindung am greifbarsten zutage treten.

Das Gesamtproblem des Doppelempfindens, wie es sich hiemit vor
uns entrollt, ist von seiner rein psychologischen wie von seiner ge-
schichtlichen Seite her in einer Reihe von Arbeiten des Verfassers2), be-

x) Insbes. die von Q. Anschütz und seinem Hamburger Kreise.

2) Hierüber Sammelreferat des Verfassers im Arch. f. d. gesamte Psychologie
Bd. 76, 1930, S. 193—201; seither: „Zur Geschichte und Kritik der Synästhesie-
Forschung", ebenda Bd. 79, 1931, S. 325—384, mit Bibliographie (Näheres hierin
unter Wellek); und: „Das Doppelempfinden im abendländischen Altertum und Mittel-
alter", ebenda, Bd. 80, 1931, S. 120—166.
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