Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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DIE GESCHICHTLICHKEIT DER KUNST.

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den Institutionen des gegenwärtigen Lebens (zu denen sie bei der äußer-
sten Vertiefung des Schisma nicht einmal als Satire ein künstlerisches
Verhältnis finden kann) enthält immer ein unausgesprochenes Urteil, das
diese Gegenwart über sich selbst spricht. Die darstellende Kunst schneidet
jeweils aus dem gesamten Lebenskreis einen engeren Kreis des Form-
baren aus und gibt im Ausschließen und Einbeziehen zu verstehen, was
ihr einzig als Gegenwart gilt. Der Rest ist für sie „Nacht und Nichts".

Die wissenschaftliche Erfassung des ästhetischen Phänomens be-
wegt sich in der Spannung zweier Pole. Sie muß in dem Scheincharak-
ter die Reinheit des Phänomens wahren, und sie muß ihm durch An-
weisung seines Platzes im Dasein seine Realität und Bedeutsamkeit zu-
rückgeben. Unsere Betrachtung über die Geschichtlichkeit der Kunst hat
die Dimension dieser Spannung durchlaufen. Wir fanden in der Kunst
den Augenblick geformt, das Wandelbarste dem Wandel entzogen und
in eine Sphäre ästhetischer „Idealität" erhoben. Dann aber zeigt sich,
daß diese Formung den Gegenwartscharakter des geformten Augenblicks
wohl transformiert, aber nicht auslöscht. Damit setzen wir in die Form,
die für die klassizistische Ästhetik die Ruhe und Erhebung über allem
Streit bedeutete, die Unruhe des Lebens. Aber wir geben ihr die lebendige
Wucht zurück, mit der sie „packt", auch wo sie spielt.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXV.

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