Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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Gesellschaft für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.

Veranstaltungen der Berliner Ortsgruppe im Winter 1930/31
und im Sommer 1931.

Die Veranstaltungen des Winterhalbjahrs 1930/31 eröffnete ein Vortrag von
Dr. Klaus Berger über „Kunsterziehung bei Erwachsenen" am 18. November 1930.
In den Versuchen zur Kinderkunst 1. von Hartlaub, der Erhaltung des Kindes im
primitiv-schöpferischen Zustand erstrebt, 2. von Lichtwark, der auf Schulung des
Auges im Betrachten von Kunstwerken abzielt, und 3. von dem thüringischen Lehrer
Geist, der das Spielen der Kinder mit Materialabfällen zum Ausgangspunkt nimmt,
sieht Dr. Berger zugleich die entscheidenden Wege der Kunsterziehung für Erwach-
sene vorgezeichnet: 1. Gestaltung von innen her, nach Überwindung der Kunst-
fremdheit des Erwachsenen, 2. Pflege der Kunst im täglichen Leben durch Aus-
bildung der Kunstbetrachtung, 3. Uebung der künstlerischen Gestaltung. Für das
Sehenlernen des Kunstwerks ist das Arbeiten vor Originalen entscheidend. Dazu
gehört eine Art graphischer Selbstkontrolle. Die Kunsterziehung der Erwachsenen
darf nicht psychologisch, nicht ästhetisch-konstruktiv und nicht rein kunstgeschicht-
lich erfolgen. Aus seiner praktischen Erfahrung heraus ergänzte Rudolf Stumpf
in der Aussprache diese Ausführungen, denen er weitgehend zustimmte. Vom
„Genius des Kindes" (Hartlaub) zum Kunstempfinden des Erwachsenen führt keine
Brücke. Aus Freiheit im Schaffen als Kind hat noch kein Erwachsener Nutzen ge-
zogen; der Kunstunterricht in der Schule gibt also kaum Positives für das Leben
mit. Die vom Vortragenden geforderte Verbannung der Geschichte aus der Kunst-
erziehung scheint Herrn Stumpf nicht gerechtfertigt. Denn das wichtige In-
beziehungsetzen von Stilen verlangt kunsthistorische Kenntnisse. Dem widerspricht
Privatdozent Dr. Kuhn; ihm scheint die geisteswissenschaftliche Erklärung vom
adäquaten Erfassen des Kunstwerks geradezu abzulenken. Rektor Titzmann
hält den Lehrer für berufen zur Erteilung von Zeichenunterricht, der ein natur-
gegebenes Verhältnis zur Kunst und eine umfassende kunstwissenschaftliche Bil-
dung hat. Professor Dr. Frida Schottmüller weist hin auf praktische Versuche von
den verschiedensten Seiten aus, z. B. auf eine Studie über die Industriestadt als
Boden für die Kunstauffassung. Für entscheidend in aller Kunsterziehung, ganz
gleich ob zur Malerei, Musik, Dichtung, sieht Obermagistratsrat Marquardt die
Frage an: soll man das Gewicht legen auf das Produktive, oder soll man eine mehr
analytische Methode befolgen? Auch er lehnt es ab, die Kunstgeschichte in den
Mittelpunkt zu stellen. — Am 12. Dezember erörterte Privatdozent Dr. Alexander
Herzberg „Künstlerisches Schaffen und Genießen in psychoanalytischer Beleuch-
tung". Zur Aufhellung der Bedingungen künstlerischen Schaffens untersuchte er

1. die psychodynamischen Faktoren, nämlich a) seelische Triebkräfte, b) Anlässe;

2. die plastischen Faktoren; 3. die Formungsmechanismen. Zu 1: Die Triebquellen
des künstlerischen Schaffens sind nach Freud gleichzusetzen mit den Wurzeln der
Tagesträume oder Tagesphantasien und in den infantilen Sexualstrebungen zu
suchen, wie am Beispiel Leonardo da Vincis (Homosexualität durch inzestuöse
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