Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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BEMERKUNGEN.

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tischen Genießen beeinträchtigt fühlten, so ist zu erwarten, daß die schonungslose
Offenheit von Wolters Darstellung bei anderen Schrecken erregt. Ich glaube die
Notwendigkeit dieser Enthüllung so deuten zu dürfen: Solange das neue Gewächs
aus erstem Samenkorne noch im Werden war, bedurfte es dem Gesetz alles leben-
digen Wachsens zufolge der schützenden Dunkelheit. Jetzt, da das Werk vollendet
und abgeschlossen, darf die schützende Hülle abgehoben werden, muß sie abge-
hoben werden, damit die literarische unechte Legendenbildung aufhöre. Vielen, die
mit Neugierde und Grauen von unheimlichen Kulten und seltsamen Orgien mun-
kelten, ist nun die angeblich so notwendige Aufklärung und Belehrung vielleicht
zu ihrer Enttäuschung in jeder Weise zuteil geworden.

Dies Geheimnis also hat aufgehört, „das bild erhebt im licht sich frei und
nackt" — aber das andere Geheimnis, das Geheimnis der offenbaren Schönheit be-
steht fort: denn die Schönheit ist niemals zu „erklären", und ihr Geheimnis ist so
wenig zu verraten, wie das der Eleusinischen Mysterien.

Das ganze Leben, fast darf man sagen, jeder Vers, jeder Satz von Wolters
sind eine gehämmerte Einheit von glühendem Erleben, von frohem Bekennen und
von strengem Fordern. Wie er selbst in „Herrschaft und Dienst" zuerst verlangt
hat, so ist er in den folgenden zwei Jahrzehnten nicht einen Finger breit abge-
wichen von diesem Geheiß des schönen Lebens. Es ist ein Wunder, wie dieser starke,
zu eigenem Schaffen und Herrschen von Natur bestimmte Mensch all seine Selbst-
heit verzehren ließ von der reinen Flamme des Georgeschen Dichtens und Wol-
lens. Als ihn, der niemals eine Klage über das persönliche Schicksal kannte, im
schmählichen Zusammenbruch des Volkes Zorn und Gram ergriff, widmete ihm
Stefan George tröstend den Spruch, der nun zu seiner Denk-Tafel geworden ist:

Laß Völker brechen unterm Schicksalsdrucke
Gefeite beben nicht beim ersten rucke ...
Vorm Herrn gilt gleich der in- und außenkrieg
Wo solche sind wie du — da ist der sieg.

Die Idee einer künstlerischen Kultur in der Philosophie
Friedrich Nietzsches.

Von

Werner Ziegenfuß.

Betrachtet man das Werk Friedrich Nietzsches vom Gesichtspunkt wissen-
schaftlicher philosophischer Systematik aus, so erscheint es nicht als einheitlich, und
seine Ausleger haben daher vor allem durch Aufgliederung nach Phasen versucht,
diese Vielfältigkeit seiner philosophischen Äußerungen wenigstens biographisch in
ein Ganzes einzuordnen. Daß ein solcher Versuch nur gewaltsam und schematisie-
rend durchzuführen ist, hat sich gezeigt. Es erhebt sich indessen die Frage, ob die
gesuchte Einheitlichkeit nicht weit eher im Philosophieren Nietzsches, statt in seinen
Theoremen und in der innersten Problematik, statt in den zeitbedingten Lösungs-
versuchen zu finden ist, mit denen Nietzsche sich von seiner Problematik befreien
wollte.
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