Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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Bemerkungen.

Ästhetische Werte des Films.

Von

Friedrich Luther (Berlin).

Das Laufbild als solches ist ästhetisch indifferent wie die ruhende Photographie.
Es ist an sich selbst nur ein technisches Mittel, um ein Anderes, eine bewegte
Wirklichkeit oder eine Folge verbundener ruhender Bilder, scheinbewegt wiederzu-
geben. Hat die wiedergegebene Wirklichkeit oder Bildfolge ihrerseits ästhetische
Werte, so gewinnt die scheinbewegte Wiedergabe, ebenso wie die ruhende Photo-
graphie etwa eines künstlerischen Gemäldes, eine mittelbare ästhetische Wertigkeit.
Diese mittelbare ästhetische Wertigkeit ist natürlich eine unreine und verschafft
niemals einen vollkommenen ästhetischen Genuß. Insofern kann das Laufbild, zumal
wenn es binokular dargeboten würde, beispielsweise einen Pantomimenersatz, jedoch
niemals einen vollkommenen Ersatz darstellen. Entsprechend kann der Tonfilm, in-
dem er dem Laufbild die Wiedergabe akustischer Momente beifügt, einen gewissen
Theaterersatz und Operersatz, jedoch auch niemals einen vollkommenen Ersatz ge-
währen. Hierin liegt der Mangel ästhetischer Kraft und damit das Unbefriedigende
des stummen Films und des Tonfilms, soweit sie auf eine Wiedergabe bühnenhafter
Vorgänge eingestellt sind.

Indessen hat der stumme Film auf anderen Wegen ästhetische Eigenwertigkeit
erreicht. Und zwar hat er zu zwei verschiedenen reinen Künsten geführt, die beide
das Laufbild als technisches Mittel benutzen.

Die eine dieser Künste besteht in der Darbietung von Bewegungsbildern, die
aus einzelnen gezeichneten Bildern gewonnen werden. Hier ist das einzelne, in der
Vorführung nicht gesehene ruhende Bild und jede Verwandlung bis ins kleinste vom
Künstler vorbestimmt, so daß ebenso wie in der ruhenden Bildkunst oder in der
Musikvorführung ein organisch durchgeistigtes, von einem schöpferischen Willen
vollkommen erfülltes Gebilde entstehen kann. Es gibt etliche Filmwerke solcher Art,
die als reine Kunstwerke angesprochen werden müssen. Beispielsweise sind in dem
schwarz-weißen sogenannten Scherenschnittfilm von Lotte Reiniger „Dr. Doolittle
und seine Tiere" sowie in dem teils schwarz-weißen, teils buntfarbigen Zeichnungs-
film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed", die beide im Winter 28/29 in Berlin ge-
zeigt wurden, reine ästhetische Werte erreicht. In beiden Filmen ist die Inhaltswir-
kung auf den formalen Gegebenheiten aufgebaut, es sprechen die Linien und Linien-
bewegungen und es rollt sich das Ganze in dekorativ-inhaltlicher Verbundenheit als
sinfonischer Organismus ab. Immer ist in dieser Kunst notwendigerweise das
Gegenständliche als solches satirisch oder mit Humor gefaßt. Denn die Überwin-
dung des Wirklichkeitsscheins der bewegten Leinwandfiguren zu ihrer ästhetischen
Formung erfordert eine Bejahung des Komischen der immer unvollkommenen Lein-
wandlebendigkeit.
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