Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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II.

Die Weltanschauung Beethovens und ihre Gestaltung
in der 7. Symphonie.

Von

Otto Schilling-Trygophorus.

1. Teil: Tonsprache und Geisteswelt.
Der musikalische Ausdruck ist seiner Natur nach niemals eindeutig.
Eindeutigkeit ist dem Wort, dem Begriff möglich. Der psychologische Ort
des Tones und seiner gesetzmäßigen Vielheit ist aber seinem Wesen ge-
mäß das Seelenleben. Dieses besteht nicht in einem begrifflich festzuhal-
tenden Zustand, sondern in fortwährend sich wandelnden Bewegungen
und Erregungen, die lediglich erlebbar sind, also nur auf dem Weg
innerer Erfahrung auf die Seele des empfänglichen Menschen übertrag-
bar sind. Auch die Musik besteht niemals in einem Zustand, sondern in
dauernder nach bestimmten Zeitmaßen fortschreitender Bewegung einer
Vielheit von Tönen, die nach Gesetzen des Wohllauts und des musika-
lischen Ausdrucks in bestimmte Beziehungen zueinander treten. Aber ver-
möge der Organisation des menschlichen Geistes verbinden sich thema-
tische Entwicklung, Harmoniefortschreitungen, instrumentale Klangfär-
bungen mit bestimmten Gefühlen, Anschauungen und Willenswerten.
Diese lassen zwar für Stimmung und Phantasie Spielraum. Ihr Inhalt
bestimmt aber geistige Verfassung und Einstellung des Hörers. Das ist
Folgeerscheinung der inneren Erfahrung. Der Wille wird mächtig an-
geregt. In den feinen Fäden seelischen Geschehens, die sich hier knüpfen,
haben wir die inneren Bindungen zwischen Musik und Weltanschauung
zu finden. Musik vermag nicht lediglich intellektuell gefaßte Anschauung
zu geben. Denn sie wirkt durch das sinnliche Mittel der Klänge und
deren Verbindungen, die nach bestimmten künstlerischen Gesetzen mög-
lich sind. Vielmehr erreicht sie ihrem Wesen gemäß Wirkungen, die viel
tiefer greifen, als sich mit der Darstellung intellektueller Allgemeingültig-
keiten zu begnügen. Das bewirkt sie dadurch, daß Verbindungen und
Fortschreitungen von Klängen sich bis in feinste Abtönungen nuancieren
lassen. Wurzel und Nährboden ursprunghafter Weltanschauung liegen
nicht in absolutem Intellekt, sondern in Gefühl, Grunderlebnis und in-
nerer Erfahrung. Diese sind das Primäre, aus dem sich geistige Zusam-
menhänge entwickeln. Ihr Ursprung ist in der letzten Tiefe des Seelen-
lebens zu suchen. Ihre Auswirkung geht von dort aus. Dort liegen auch
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