Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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Bemerkungen.

Friedrich Wolters' Vermächtnis1).

Von

Kurt Hildebrandt.

Am 14. April 1930 wurde uns Friedrich Wolters entrissen. Er war seinem
Wesen nach Dichter, nur im Verse fand er die Erhebung, die ganz seinen höchsten
Träumen und seinem stärksten Wollen genugtat, aber er hat die Verpflichtung ge-
fühlt, in einem umfangreichen Prosawerk die Person und das lebendig erwachsene
Werk des Dichters darzustellen, dem von Jugend an seine glühende Liebe und un-
bedingte Verehrung gegolten hat. Er gehörte die letzten 20 Jahre zu den Nächst-
vertrauten Stefan Georges, und er war wie kein anderer durch Begabung und Schick-
sal, durch Wissen und Glut für diesen wichtigsten Auftrag geeignet, und wenn das
auf dem Buche verzeichnete Erscheinungsjahr zugleich sein Todesjahr geworden ist,
so konnte ihn auf dem letzten Lager der Gedanke beruhigen, daß er sein Tagewerk
getan habe, während in geistig-erwachenden Kräften des Volkes ein Stachel zurück-
bleiben mag, ob es das große Werk dieses sich ganz im Eifer für sein Volk und seine
künftige Größe verzehrenden Mannes zu Lebzeiten recht zu würdigen verstand ...

Friedrich Wolters war ein Lieblingsschüler Schmollers, der ihn auch in die aka-
demische Laufbahn eingeführt hat, die in dem Ordinariat für neuere Geschichte in
Kiel endete. An die ins historische Gebiet gehörenden Facharbeiten, Werke von sub-
tiler Gelehrsamkeit und Aktenforschung, welche die Anerkennung der ersten Ge-
lehrten fanden, soll hier nur erinnert sein, um die Unterstellung, als ob die dichte-
rische Leistung sich nicht mit strengsten Anforderungen der wissenschaftlichen For-
schung vertrage, als Vorurteil der Unwissenden zu kennzeichnen. Wichtiger für
seine Lebensgestaltung war allerdings der vertraute Verkehr mit Breysig, der, früh
durch Nietzsche erweckt, Wolters nun das Höchste geben konnte: die früheren
Bände der Georgischen Dichtung. In Gemeinschaft mit dem nächsten Freunde,
Berthold Vallentin, führte Wolters damals den kleinen Freundeskreis, dessen Mittel-
punkt in geistigem Ringen und schönen Feiern das laut gelesene Georgische Gedicht
war, das immer mehr als lebenverwandelnde Kraft erfahren wurde und bald zur
Abwendung von Zeitgeist und Gesellschaft jener Jahre bestimmte.

Als George in Person in diesen Kreis trat, da wurde bald, nicht durch aus-
gesprochene Belehrung, sondern durch Vorbild und lebendigen Hauch bewußt, daß
diese starre Absonderung von der Welt und die Hingabe an das Genießen edelster
Kunst nur die begrenzte Erziehungsstufe der Jünglinge sein konnte und nicht den
Sinn der Dichtung erfüllte. 1907 erschien der VII. Ring, nach den Dichtungen, die

*) „Stefan George und die Blätter für die Kunst. Deutsche Geistesgeschichte seit
1890." (Bei Georg Bondi, 1930.)
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