Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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Frühgotik der deutschen Plastik.

Ein Beitrag zum Thema Bamberg.
Von

Alexander Freiherrn v. Reifjenstein.

I.

Die geläufigen Stilbezeichnungen als Stilbegriffe reichen in die Früh-
zeit einer wirklichen, d. h. wissenschaftlich bestrebten Kunstgeschichts-
schreibung zurück. Obwohl ihre erstmalige Aufstellung längst als das
Ergebnis ganz unbestimmter, auf einem vagen Geschichtsbild basierter
Vorstellungen erkannt ist, erweisen sie eine zähe, vom Quantum ihres
Wahrheitsgehaltes her nicht zu erklärende Lebensfähigkeit. Alle Skepsis
gegen ihre Eignung — in wieweit und ob überhaupt sie sich mit der
Sache decken, die sie bezeichnen sollen — setzt ihre konventionelle Gel-
tung nicht außer Kraft.

Die vorliegende Erörterung zielt nicht auf die Frage, ob „Gotik" die
zulängliche Bestimmung für den mit ihr bezeichneten ausgedehnten Kom-
plex von Erscheinungen in sich trage, sie zielt auf die Frage, ob sich die
zwischen zwei Stilkreisen eingestellte, beide in einem Punkte berührende
Tangente überzeugend ermitteln lasse. Veranlassung und Ausgang sind
die sich ausschließenden Entscheidungen, die im Falle Bamberg getroffen
wurden; die Möglichkeit einer klaren Entscheidung soll hier untersucht
werden.

In Ansehung der Architektur umging eine ältere Forschung die Frage-
stellung, indem sie ad hoc einen .,Übergangsstil" statuierte — einen
Nicht-mehr- und Noch-nicht-Stil, im Grunde eine Stilvakanz. Sie berei-
cherte die primitiven Stilgleichungen Rundbogen = Romanik, Spitz-
bogen = Gotik um eine dritte: Rundbogen -f- Spitzbogen = Übergangs-
stil. Der Bamberger Dom fand sich in der Lage, die Elemente dieser
Gleichung in paradigmatischer Reinheit aufweisen zu kennen. Indessen,
auf die Plastik angewendet, konnte die Bezeichnung Übergangsstil nichts
anderes als die Feststellung einer Gleichzeitigkeit mit gewissen, dem Be-
griff jenes Stiles subsumierten Architekturformen bedeuten; das Wesen
dieser Plastik berührte sie in keiner Weise.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXV. 21
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