Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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OESELLSCHAFT FÜR ÄSTHETIK.

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dem viel Originelles und manches Skurrile in dem Büchlein finden. Vielleicht wer-
tet man es am besten nicht mit den Mitteln unserer Wissenschaft, die ja nun ein-
mal ästhetisch belastet ist, sondern als geistreiche Bekenntnisse eines Ketzers. Die
überraschende Zusammenstellung eines reichen Bildmaterials wird auch den interes-
sieren, der sich am Text nur ärgert.

Berlin. Klaus Berger.

Gesellschaft für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.

Veranstaltungen der Berliner Ortsgruppe im Winter 1929/30
und im Sommer 1930.

Am 15. November 1929, dem 67. Geburtstage Gerhart Hauptmanns, sprach
Dr. Werner Ziegenfuß über „Gerhart Hauptmann und die Jugend". Er entwickelte
in immer tieferem Eindringen in die Schichten der Hauptmannschen Problematik
die Bedeutung des Dichters für eine Jugend, die heute eine geistige Stellung er-
ringen will, und der doch der Krieg das Band zu den Trägern der geistigen
Kultur in der Vorkriegszeit zerrissen, den Glauben an den Eigenwert der Kultur
zerstört, die Muße zur Versenkung in Fragen des Geisteslebens durch den Zwang
zum Kampf um die äußere Existenz geraubt hat. Was vermag Gerhart Haupt-
mann diesem Geschlecht zu sagen? Er sucht nach einem Ansatzpunkt für die
letzte Wirklichkeit des Menschen. 1. Diese enthüllt sich nicht in seinem Verhält-
nis zur sozialen und zur politischen Welt. 2. Sie kann auch in der Be-
ziehung der Persönlichkeit zur Kultur weit nicht erfaßt werden; dort, wo der
Einzelne sich vom Leben abschnürt in dieser Kulturwelt, brechen die Dämonen
in sein Ich ein. Der Begriff „Dämon" ist bei Hauptmann mit dem der Natur
verknüpft. Des Dichters „Naturalismus" ist Wille zur Erfassung dessen, was im
Innersten des Menschen lebt, der dämonischen Mächte; ist Hindurchdringen durch
allen Schein zur essentia. Die Frage nach dem letzten Sein menschlicher Art wird
von Hauptmann auch in dieser tieferen Schicht nicht gelöst. Für die Jugend von
heute ist die tragische Spannung zwischen dem sozialen Liebeswillen des Men-
schen und der außermenschlichen Wirklichkeit, die Hauptmann in dieser zweiten
Schicht unlösbar erscheint, nicht mehr vorhanden. Das Bestehen einer die Men-
schen trennenden objektiven Kulturwelt über dem Menschen erkennt sie nicht an.
3. Durch die Vernichtung der kulturellen Oberschicht fühlt sie sich in die unter-
gegensätzliche letzte Sphäre, in den Bereich schlechthin menschlicher liebender
Gesinnung, hinabgetrieben. Aus dieser Wurzel eine neue Formung der oberen
Schichten heraus zu entwickeln, die dem Verfall nicht preisgegeben ist, faßt sie als
ihre Aufgabe auf. Die Wurzel selbst aber ist ihr mit Gerhart Hauptmann gemein-
sam, ist das Letzte seines und ihres Wesens. In der Aussprache fand der Redner
Zustimmung bei Professor Max Herrmann, vor allem für seinen Vorstoß gegen
eine oberflächliche Auffassung von Hauptmanns Naturalismus. Dr. Kern hielt den
Zwiespalt zwischen den objektiven Sphären und dem Innern des Menschen nicht
für zeitbedingt, sondern für notwendig und überzeitlich; der Dichter selbst emp-
finde die Tragik, die mit diesem Gegensatz gegeben ist, als ewig. — Im zweiten
Vortrag des Winterhalbjahrs 1929/30 (am 13. Dezember 1929) entwickelte Profes-
sor Dr. Fritz Heinrich „Die musikästhetische Resonanztheorie". Richard Wagners
Lehre vom ganzen künstlerischen Menschen soll in ihr neu belebt werden. Vor
allem bemühen sich darum A. Schweitzer, Nadel, Walker, Kühr, der das Erlebnis
im Kunstgenuß vom Gegenständlichen in der Musik loslöst und als Inhalt des
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