Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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I.

Die ästhetische Gefühlswahrheit.

Von

Gertrud Kuznitzky.

III.

Die Geltungsprobleme der ästhetischen Gefühlswahrheit.

(Schluß.)

1. Das Verhältnis zwischen Erfahrungsgegenständ-
lichkeit und ästhetischer Gefühlswahrheit.

Im ästhetischen Fühlen sind Gefühlswahrheit und Erfahrungsgegen-
ständlichkeit als verbunden gegenwärtig. Bestimmtes Wirkliches gibt sich
uns als eigenartig Gefühltes zu fassen. Im Gefühlten, im eigenartig
Charakterisierten ist also zugleich eine Erfahrungsbestimmtheit gegen-
wärtig. Indem die Stimmung einer Landschaft zu uns spricht, wissen
wir zugleich um die dingliche Bestimmtheit der Gegenstände Bescheid,
die in der Landschaft zusammentreten. Es sind die „Züge" der Land-
schaft, die die Stimmung ausprägen. Die Landschaftsstimmung haftet an
den verstreuten Bäumen auf jener Wiese, am Grün jener Wiese, am Blau
des Himmels usw. Einzelne dingliche Momente schließen sich zu einem
Ganzen zusammen, in dessen Einheit das Stimmungsganze beschlossen
liegt. Die Gefühlswahrheit wäre uns nicht Wahrheit, wenn ihre Eigen-
art nicht durch das Gegenwärtige in seiner dinglichen Bestimmtheit moti-
viert wäre. Aber diese Motivation macht den Wahrheitsgehalt noch nicht
aus. Die Motivation durch Tatsachen ist eine Sinnbeziehung jedes Er-
lebens, nicht bloß des „erlebten Erlebens", das das Gefühl darstellt. Wo
immer sich uns Psychisches zu fassen gibt, bestimmt es sich als abhängig
von Tatsachen. Vi-enn ein Gefühl auf eine Landschaft bezogen ist, so
liegt dem zugrunde, daß unsere Empfindung, unsere Wahrnehmung,
unsere Raumauffassung auf sie bezogen ist. Der eigentümliche Wahr-
heitsgehalt des Gefühls ist aber durch diese Beziehung noch nicht be-
dingt. Er urteilt über Züge des Tatsächlichen, aber er ist nicht schon
damit gegeben, daß Tatsächliches wie mit der Empfindung, so auch mit
dem Gefühl in Beziehung tritt. Wir erfaßten den Wahrheitsgehalt des
Gefühls unter den Gesichtspunkten der Eigenart und des ästhetischen
Wertes. An diesen Begriffen zeigt sich schon, daß die Gefühlswahrheit
kein Urteil über Tatsachen ist, denn Tatsachen als Tatsachen sind weder

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXV. 7
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