Zeitschrift für christliche Kunst — 28.1915

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Nr 12 ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST ]$1

DER URSPRUNG DES TRIKONCHEN
KIRCHENBAUES.

(Mit einer Tafel und 10 Abbildungen.)

Vor zwei Jahren erschien eine wertvolle Monographie über die Kirche
S. Maria im Kapitol zu Köln von Dr. Hugo Rahtgens, herausgegeben
von der Stadt Köln und dem Zweigverein Köln des Rheinischen Vereins
für Denkmalpflege und Heimatschutz. Darin sind die Resultate genauer Aus-
grabungen und Forschungen verwertet, die unternommen wurden, um die Ent-
stehungszeit des Baues in seinen einzelnen Teilen festzustellen und ihn in die
Kunstgeschichte einzuordnen. Das Hauptmerkmal ist der kleeblattförmige Chor-
bau, die Drei- oder tnkonchen Anlage. Der Verfasser hat, soweit ihm das Mate-
rial nur irgendwie erreichbar war, alle Vertreter dieses Typus zusammengestellt
und ist durch Vergleich zu dem Ergebnis gelangt (S. 175), daß es sich in dieser
Anlage um das Walten einer großveranlagten, selbständig schöpferischen Bau-
gesinnung handle, die, in der trikonchen Anlage vielleicht durch die alte Abtei-
kirche von S. Trond angeregt, auf die Gegend von Mailand-Como hinweise.
S. Lorenzo in Mailand oder S. Fedele in Como konnten — zusammen etwa mit
der „Bekanntschaft der Geburtskirche zu Bethlehem" — bestimmend gewesen sein,
falls nicht ein jetzt verschwundenes oder unbekanntes Gebäude von ähnlicher
Anlage, das wir in dem späthellenistisch-byzantinischen Kunstkreise suchen
müßten, als Vorbild diente. — Ich möchte hier die Untersuchung in eine Rich-
tung lenken, die von Rahtgens unbeachtet blieb — aus einem sehr einfachen
Grunde, weil die Kunstgeschichte darauf bisher überhaupt kaum geachtet hat.
Wie fern liegend jedem, der nicht selbst im Oriente unermüdlich nach den ent-
scheidenden Quellen sucht, der in Betracht kommende Kunstkreis ist, zeigt eine
zweite kürzlich über die Frage des Trikonchos erschienene Schrift von E. Wei-
gand. Anläßlich einer Monographie über das Theodosioskloster bei Jerusalem1
streift dieser so nahe an die Lösung, die ich hier vorschlagen möchte, daß man sie
deutlicher als sonst irgendwo merkt: was ich im Auge habe, hegt ganz außerhalb
des Gesichtskreises der landläufigen Kunstforschung. — Noch eine dritte Arbeit
ist zu nennen, eine Monographie von E. H. Freshfield, die direkt den Titel „Cellae
tnchorae" führt mit dem Zusätze: Christian antiquities in the byzantine pro-
vinces of Sicily with Calabria and North Africa including Sardinia (London 1913).
Ob man also über die Denkmäler im Rheinlande, in Palästina oder in Sizilien
und Nordafrika handelt, überall drängt sich das gleiche Problem auf. Sollten
da nicht ganz besondere Umstände vorliegen, die es erklären, warum die tri-
konche Anlage immer wieder und überall auftaucht? Sind es vielleicht Gründe,
die, durch Material, Technik und Zweck bedingt, an verschiedenen Orten und
Zeiten spontan auf diese Bauform hindrängten, oder ist es ein bestimmter Kunst-
kreis, der die Neigung dazu geschaffen und immer von neuem genährt hat ? Werden
in der ungeheueren Fülle von Material, das allmählich für die Beweisführung
zusammengetragen worden ist, nicht endlich engere Gruppen zu bilden sein, die
ein klares Sehen ermöglichen?

1 Byzantinische Zeitschrift XXIII (1914) S. 167 f. Vgl. mein Mschatta S. 232 f.
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