Zoepffel, Renate
Historia und Geschichte bei Aristoteles — Heidelberg, 1975

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I
A Wenn Aristoteles im Neunten Kapitel seiner Poetik die Aufgaben des
Dichters denen des «Historikers» gegenüberstellt, so geht es ihm im Rahmen
seines Themas natürlich in erster Linie darum, die Eigenart der Dichtung
besser erkennbar werden zu lassen. Insofern kann man tatsächlich wohl
sagen, daß «Historikos» und «Historia» nur die Folie für «Poietes» und
«Poiesis» abgeben23 — allerdings mit dem Vorbehalt, daß Aristoteles wahr-
scheinlich nicht das Unbekanntere vor dem Hintergrund des sicher Bekann-
ten klarer sichtbar machen wollte, sondern daß er für beide Gebiete, die,
insofern sie sich mit demselben Stoff befaßten, für Griechen schwer von-
einander zu trennen waren und in der allgemeinen Meinung oder in irgend-
welchen Lehren anderer eng miteinander in Beziehung gesetzt wurden24,
Klarheit schaffen wollte, indem er sie voneinander absetzte25. Andererseits
ergibt sich aus dieser engen Parallelisierung von Dichtung und Historia
eindeutig, daß Aristoteles hier das im Auge hat, was wir «Geschichtsschrei-
bung» nennen — argumentiert er doch auch mit Herodot und den Taten und
Leiden des Alkibiades —, so daß im Zusammenhang der Poetik diese Über-
setzung erlaubt erscheint, wenn man sich allerdings dabei bewußt bleibt,
daß der Begriff für Aristoteles noch umfassender gewesen sein muß, da er
ihn selbst für sein Werk über die Teile der Lebewesen benutzt hat2C. Auf
jeden Fall aber ist die für uns so naheliegende Assoziation von «Geschichte»
im modernen Sinn, also als Gegenstand der Geschichtsschreibung, fern-
zuhalten.
Der Unterschied zwischen Dichtung und Geschichtsschreibung besteht
nach Aristoteles nicht darin, daß erstere in metrischer Sprache, letztere in
Prosa abgefaßt ist. Schon gleich zu Beginn seiner Abhandlung über die
Poetik hatte er darauf hingewiesen, daß diese allgemein übliche Unter-
scheidung nach der Form der Sprache wertlos sei. Die Menge nenne zwar
Homer und Empedokles gleichermaßen «Dichter», weil beide ihre Werke

23 So K. V. Fritz, Die Bedeutung des Aristoteles für die Geschichtsschreibung, 339 und 345,
und R. Häußler, Resümee (A. 6).
24 Der Hinweis darauf, daß Dichtung und Historia sich gerade nicht durch das Metrum
voneinander unterscheiden, läßt erkennen, daß Aristoteles hier gegen eine andere Ansicht
polemisiert.
25 Man kann also auch nicht wie C. O. Brink, Tragic History and Aristotle’s School,
Proceedings of the Cambridge Philological Society 186 (N. S. 6) 1960, 14—19, sagen,
Aristoteles habe im Neunten Kapitel nicht gesagt, was der Historiker seiner Ansicht
nach tun solle, sondern nur, was er im allgemeinen tue.
28 Vgl. u. S. 29-33.
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