Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 35.1910

Seite: 327
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EPINETRON

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so die reine Wolle (xqöxt]) von der Schlagwolle (xpoxiiSe;) ge-
schieden. Erstere wird dann zu Flocken verarbeitet (Tokuirai/
acpalpai gQLtov Hesych) und daraus der Faden für den Weber-
zettel (otrjpoov) gesponnen. Dazu müssen die Flocken auf den
Spinnrocken gebracht werden; und hier tritt der Gebrauch
des Epinetron ein. Die sitzende Frau legt es auf ihr rechtes
Knie (vgl. Abb. 1), nimmt aus dem Wollkorbe neben ihr
Flocke um Flocke und zieht sie allmälig auf dem Epinetron
auseinander, bis sie locker und dünn werden; dabei hält sie
die Flocken in der Linken und zupft sie mit der Rechten
auf dem Epinetron aus. Nachdem sie so genügende Flocken
ausgebreitet und eine sehr feine, lockere Wollmasse herge-
stellt hat (das 0105 aooxov Homers), wickelt sie diese um den
Spinnrocken, bindet sie mit einem Bande fest und zieht dann
die Wolle zur Spindel hinab. Die geschuppte Oberfläche des
Epinetron dient vor allem dazu, die daraufgelegte Wolle
festzuhalten und vor dem Herabgleiten zu bewahren. Doch
kommen auch glatte Flächen vor (s. unten S. 333). Von die-
ser Verwendung zum Aufhäufen der Wolle hat das Gerät
seinen Namen ejuvt]tqov (sjti-vdco), während ovo«; wohl von
der formalen Ähnlichkeit der wollebedeckten Wölbung mit
einem beladenen Eselsrücken stammt '.

Demnach wurde das Epinetron vor dem Spinnen ver-
wendet, nicht nachher, wie bisher alle Erklärer irrig ange-
nommen haben. Zur Glättung des Fadens ist es ungeeignet;
auch war dazu weder im Altertum noch heute ein besonde-
res Gerät nötig. Wie aber einst die Flocken ausgebreitet und
zerzupft, auf den Knieen aufgehäuft und dann auf den Spinn-
rocken gebracht wurden, das kann man noch heute in ge-
nau derselben Weise bei den kretischen Frauen beobachten:
das zeigen klärlich unsere nach der Natur aufgenommenen
Abbildungen 3-5.

' Herr Professor Dörpfeld, dem ich für seine freundliche Durchsicht
dieses Aufsatzes bestens danke, nimmt an, dass das Epinetron als Unterlage
zum Auskämmen und parallelen Zurichten der Wollfasern gedient habe,
wie das noch heute durch Maschinen getan wird. Unsere erhaltenen Exem-
plare seien nur Nachbildungen der wirklich gebrauchten, die einfacher und
haltbarer (aus Holz) gewesen sein müssten.

ATHENISCHE MITTEILUNGEN XXXV

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