Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien>   [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 20.1899

Seite: 113
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DIE ZIMMERN'SCHEN HANDSCHRIFTEN DER K. K. HOFBIBLIOTHEK.

Ein Beitrag zur Geschichte der Ambraser Sammlung und der k. k. Hofbibliothek.

Von

Heinrich Modern.

/. Die Ambraser Handschriften.

j|m 25. Juni 1665 verschied plötzlich Erzherzog Sigismund Franz von Tirol, ohne
Descendenten zu hinterlassen. Mit ihm erlosch, zum zweiten Male unter einem
Sigismund, die regierende Tiroler Linie des Hauses Habsburg und die staatliche
Selbstständigkeit Tirols hatte hiemit ihr Ende gefunden.

Am 10. September 1665 brach Kaiser Leopold I. von Wien auf, um die
reiche Erbschaft anzutreten und persönlich in Innsbruck die Huldigung der Stände
entgegenzunehmen; am ig. October fand die Bestätigung der Landesrechte und
Freiheiten statt, am 20. October wurde vom Kaiser die Erbhuldigung entgegengenommen.

Trotz aller Festlichkeiten und hohen Staatsactionen fanden auf dieser Tiroler Reise auch wissen-
schaftliche und künstlerische Interessen regste Antheilnahme und Förderung. Im Gefolge des Kaisers
befand sich der damalige Vorstand der Hofbibliothek, Petrus Lambecius, der sich in Innsbruck die
Bewilligung erbat, die Ambraser Sammlung auf Handschriften und Bücher eingehend durchforschen
zu dürfen. Diese Bewilligung wurde vom Kaiser mündlich ertheilt; gleichzeitig erging an den Schloss-
hauptmann von Ambras, Franz Rueland, ein schriftlicher Befehl in diesem Sinne.

Lambecius begann seine Arbeiten in Ambras am 12. October. Im Schranke Nr. 12 der Kunst-
kammer, »dem Bücherkasten«, fand er vierzehn werthvolle Handschriften; des folgenden Tages setzte
er seine Nachforschungen in der Bibliothek fort; am selben Tage kam auch der Kaiser nach Am-
bras, besichtigte eingehend die Kunstkammer und beschäftigte sich, seiner Vorliebe für Münzen und
Medaillen entsprechend, hauptsächlich mit diesem Theile der Sammlungen. Lambecius konnte bei
dieser Gelegenheit bereits die ersten Ergebnisse seiner Nachforschungen seinem hohen Herrn zu dessen
Befriedigung vorlegen. Bis 23. October dauerte dort seine Thätigkeit. Am 24. zur Audienz zu-
gelassen, berichtete er, dass er die Bibliothek vom Kopf bis Fuss (a capite usque ad calcem) auf das
Sorgfältigste durchgegangen, dass er 6449 Bände, darunter 569 Handschriften, vorgefunden habe,
und erbat sich die Erlaubnis, diese 569 Handschriften nebst den 14, die er schon am ersten Tage in
der Kunstkammer aufgefunden, und 1489 Druckwerke, die er, als in der k. k. Hofbibliothek noch
nicht vorhanden, ausgewählt hatte, zur Bereicherung dieser Bibliothek nach Wien überführen zu
dürfen. Der Kaiser gab sofort seine Zustimmung und es erging in diesem Sinne ein Befehl an den
Schlosshauptmann von Ambras; zur sicheren und freien Ueberführung der Bücher nach Wien wurden
unter Einem die nöthigen Anordnungen getroffen.

Am 26. October verliess Leopold I. Innsbruck. Lambecius begleitete den Kaiser bis Schwaz,

wurde dort verabschiedet und begab sich zurück nach Innsbruck. Sechs Tage verbrachte er mit

den Vorkehrungen zur Ueberführung der ihm anvertrauten Schätze. Diese wurden in 22 Fässern und

6 Kisten verpackt und sollten zu Schiffe über den Inn und die Donau nach Wien gebracht werden.

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