Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 20.1899

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18307 DIE ÄLTESTEN BESCHREIBUNGEN

DER KAISERLICHEN SCHATZKAMMER ZU WIEN

VON

ARNOLD LUSCHIN VON EBENGREUTH.

Vorbericht.

Drei rasch nach einander eintretende Beerbungen
in den Sechzigerjahren des XVII. Jahrhunderts hatten
den kaiserlichen Sammlungen zu Wien ganz wesent-
liche Bereicherung gebracht.

Am 20. November 1662 war Erqher^og Leopold
Wilhelm mit Hinterlassung einer weitberühmten Kunst-
sammlung gestorben, deren Inbegriff er testamentarisch
dem Kaiser Leopold I. vermacht hatte. Nur vierzehn
Monate später und noch vor Abschluss der Inventur der
Kunstschätze folgte ihm sein erkorener Universalerbe
Er^her^og Karl Joseph im Tode (1664, 27. Jänner) und
bald darauf erlag einem unerbittlichen Verhängnisse
auch der letzte männliche Sprosse der neueren Tiroler
Linie, Er^her^og Sigismund Franz, in der Vollkraft
seiner Jahre (i665, 25. Juni). Der noch unvermählte
Kaiser Leopold I. war jetzt der einzige männliche Re-
präsentant der österreichischen Habsburger und Allein-
beherrscher ihrer seit einem Jahrhunderte getheilten
Lande.

Es ist wohl naheliegend, dass in Folge dieser
Todesfälle ein genaues Inventar der Schatzkammer auf-
genommen wurde. Während uns jedoch ein günstiges Ge-
schick die Inventare der Ambrasersammlung und das
ungefähr gleichzeitig (30. Februar 1668) errichtete Ver-
zeichnis der Schatz-, Kunst- und Rüstkammer in der
kaiserlichen Burg zu Graz erhalten hat, ist das weit
wichtigere Inventar der Wiener Sammlungen vor deren
Umordnung durch Joseph Angelo de France (1747) ver-
schollen und bisher weder im Original noch in Abschrift
bekannt geworden. Alles, was wir von demselben wissen,
beschränkt sich auf Aeusserlichkeiten. Es war im Jahre
1668 schon vorhanden und lag als grosses, dickes, mit
rothem Sammt überzogenes Buch zwischen 1677—1730,
wie es scheint, auf dem zweiten jener eilf Tische, welche
längs der Gartenseite des ersten Zimmers oder Saales
der kaiserlich weltlichen Schatzkammer aufgestellt
waren. Einen theilweisen Ersatz gewähren einige mehr
oder minder ausführliche gedruckte Beschreibungen dieser
kaiserlichen Sammlungen. Der Bericht des französischen
Gelehrten Karl Patin in seinerpremiere Relation, welchen
Seid! im Jahrgang 1848 der »Austria« in deutscher
Uebersetzung veröffentlicht hat, sei hier nur der Voll-
ständigkeit wegen genannt. Er ist zwar der älteste, da
er schon 166g für den Herzog von Württemberg,

Friedrich August, niedergeschrieben wurde; allein er
erhebt sich nirgends über eine anmuthende Reise-
plauderei. Diese mag die Zeitgenossen gar wohl unter-
halten haben; für uns ist sie weit mehr durch die Nach-
richten über einzelne hervorragende Persönlichkeiten als
durch die Auf Zählung der Kunstobjecte interessant; denn
diese ist geradezu dürftig. Mit 45 Druckzeilen werden
die Sammlungen des Erzherzogs Leopold Wilhelm ab-
gethan und ebenso viel auch auf die Schilderung der
kaiserlichen Schatzkammer verwendet. Selbst von diesen
go Zeilen entfällt jedoch gut die Hälfte auf allgemeine
Bemerkungen!

Ausführlicher ist eine Beschreibung in Eduard
Browns Reisen durch die Niederlande, Deutschland
u. s. w. Brown hatte Wien im Jahre i668l6g besucht,
seine Reise jedoch erst 1677 veröffentlicht und bei einer
Zweiten Ausgabe im Jahre i685 mancherlei Zusätze ge-
macht, welche bei der 1686 zu Nürnberg erschienenen
Uebersetzung berücksichtigt sind. In dieser findet man
als Cap. XI im ersten Theile des III. Buches auf
S. 247—25ß eine eigentliche und genaue Beschreibung
der kaiserlichen Schatzkammer und auf der zu S. 242
gehörigen Kupfertafel überdies eine Abbildung der
kaiserlichen Bibliothek mit einem Ausblick nach der
»Raritäten-Kammer«..

Sieht man von Patins Briefen und Browns Reisen
ab, so wäre noch die »neu vermehrte Beschreibung der
kaiserlichen Sammlungen« zu erwähnen, welche in der
1702 im Verlage Adam Damers anonym erschienenen
■»Kurz und lesenswürdigen Erinnerung von Herrührung
. . . der kayserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien
in Oesterreich« als S. 40—58 vorkommt. Eine er-
weiterte Schilderung derselben Aufstellung bot dann
Johann Basilius Küchelbecker in seiner »Allerneuesten
Nachricht vom Römisch-Kayserlichen Hofe«., Han-
nover 1730, S. 827—884.

Aelter als diese beiden Drucke ist eine Handschrift
in meinem Besitze, welche ich vor Jahren vom Frank-
furter Antiquarbuchhändler Karl Theodor Völcker er-
warb, der sie in seinem 82. Lagerverzeichnisse, S. 23
unter Nr. 280, ausgeboten hatte. Sie bezeichnet sich
selbst als »Kurtze Verzeichnus der vornehmbsten Stuck,
so in Ihro Kayserlichen Mayestät weltlich- und geist-
lichen Schatz-Cammer %u Wien denckhwürdig zu sehen,
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