Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 20.1899

Seite: 283
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DIE WAFFENSCHMIEDE SEUSENHOFER, IHRE WERKE
UND IHRE BEZIEHUNGEN ZU HABSBURGISCHEN UND ANDEREN

REGENTEN.

Von

Wendelin Boeheim.

er Vorort der Waffenindustrie in den habsburgischen Erblanden war seit der
Mitte des XV. Jahrhunderts Innsbruck; auf diesem Gebiete trat die kleine tirolische
Stadt auch in einen von Glück begleiteten Wettbewerb selbst mit den hervor-
ragendsten Städten der Waffenerzeugung in Europa, wie Mailand, Brüssel, Augsburg
und Nürnberg, während der ganzen Periode der Renaissance. Die Bedingungen,
durch die Innsbruck zu dieser angesehenen industriellen Stellung gelangte, waren
ebensowohl in den politischen Verhältnissen wie in seiner territorialen Lage
begründet; auch das künstlerische Talent des dortigen Volksstammes, das von Italien aus kräftig ge-
nährt wurde, hat ansehnlich zu den Erfolgen beigetragen.

Der Schutz der Erblande und die Wahrung der Interessen der Dynastie, beide so wichtige Auf-
gaben, fanden in Friedrich III. einen nichts weniger als kräftigen und selbstbewussten Vertreter.
Sein Geiz, seine Willensschwäche bei gleichzeitigem Hervortreten von starrem Eigensinn einer-, von
unerklärlicher Gleichgiltigkeit den gefährlichsten Lagen gegenüber andererseits hätten den Zerfall der
Hausmacht unzweifelhaft herbeiführen müssen, wenn nicht einige kräftige und energische Agnaten diese
Aufgaben auf sich genommen und auch oft gegen den Willen des Familienhauptes die Integrität des
Besitzes aufrecht erhalten hätten. Zu diesen kräftigen Stützen der Herrscherfamilie muss ungeachtet
seiner sonstigen nicht zu leugnenden Fehler Erzherzog Sigmund von Tirol gezählt werden, dessen
Bemühungen um die Verbesserung des Waffenwesens wir nur im Detail verfolgen dürfen, um uns von
dieser Thatsache zu überzeugen.

Noch unter Herzog Friedrich mit der leeren Tasche war das Land Tirol, das zu jener Zeit
als der Wetterwinkel der Politik Mitteleuropas angesehen werden konnte, nur sehr ungenügend
bewaffnet. Der Geschützguss war erst in den Anfängen; Hieb- und Stangenwaffen bezog man aus
Steiermark und Harnische mit noch wenig revetirten Lentnern gar aus Mailand. Das wendete sich
unter Erzherzog Sigmund zum Besseren soweit, dass Erzherzog Maximilian bei der Uebernahme
des Landes über einen kleinen Stamm von Geschützgiessern und von Plattnern verfügen konnte; auch
den Bezug an Blank- und Stangenwaffen aus Steiermark und Kärnten fand er leidlich organisirt; nur
wurde leider die Sicherung des Bedarfes durch eine ungemessene Ausfuhr von Roheisen, Stahl und
auch fertigen Waffen nach den Niederlanden und England, die man aus allerlei politischen Rücksichten
nicht einschränken wollte, hart beeinträchtigt.

Schon in der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts sammelte sich eine ansehnliche Zahl von
Plattnern oder, wie sie zur Uebergangszeit in den Plattenharnisch hiessen, von »Harnischmeistern«
in dem Oertchen Mühlau oder Mühlen am linken Innufer gegenüber Innsbruck an, tüchtige Hand-
werker, die aber trotz allen Fleisses zu keiner Bedeutung gelangen konnten, weil keiner von ihnen ein
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