Das Projekt

Mit den Handschriften aus dem 1320 gegründeten Mainzer Kartäuserkloster wird aktuell im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Projekts einer der größten erhaltenen Bücherbestände des Mittelalters online zugänglich gemacht. Die etwa 850 noch erhaltenen Bände, die in Bibliotheken in Mainz, London, Oxford und mindestens 16 anderen Orten aufbewahrt werden, bilden ein Ensemble, wie es in dieser Vollständigkeit nur selten bewahrt geblieben ist. Noch wertvoller wird es dadurch, dass zu ihm noch ein spätmittelalterlicher und ein frühneuzeitlicher Katalog existieren. Die “Bibliotheca Cartusiana Moguntina – digital” wird damit zukünftig nicht nur einen umfassenden Einblick in die Geschichte der ältesten Kartause auf deutschem Boden bieten, sondern auch in die Spiritualität und Buchkultur dieses außergewöhnlichen Eremitenordens.

Den größten Teil der ehemaligen Bibliothek der Kartause auf dem Michaelsberg verwahrt heute die Wissenschaftliche Stadtbibliothek Mainz, die ehemalige Universitätsbibliothek. Die Bücher des 1781 aufgehobenen Klosters machen hier mit über 10.000 Bänden ein gutes Fünftel des Altbestands aus. Bei den Handschriften ist der Anteil mit 624 von ca. 1.000 mittelalterlichen und frühneuzeitlichen noch einmal deutlich größer. Nur etwa 200 Handschriften befinden sich in anderen Bibliotheken, die meisten davon in der Bodleian Library in Oxford und der British Library in London. Sieht man vom Mainzer Universitätsfonds ab, ist die Stadtbibliothek die einzige wirkliche Nachfahrin des Kartäuserklosters. Entsprechend versucht sie, diesem wertvollen Erbe mit den besten verfügbaren Mitteln gerecht zu werden. Aus diesem Grund startete sie 2020 gemeinsam mit der Universitätsbibliothek Heidelberg ein auf mehrere Jahre hin angelegtes Kooperationsprojekt zur Digitalisierung und virtuellen Zusammenführung der Kartäuserhandschriften. Im Heidelberger Digitalisierungszentrum werden die Handschriften digitalisiert und über ein eigenes Webportal nachhaltig und dauerhaft zitierbar in einer “Virtuellen Bibliothek” online gestellt. Finanziert wird das Projekt weitgehend von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Transport und Versicherung werden jedoch in Heidelberg in Eigenleistung übernommen.

Eine Digitalisierung außer Haus wurde notwendig, da die Stadtbibliothek selbst weder über einen geeigneten Scanner noch über die übrige technische Infrastruktur verfügt. Das Digitalisierungszentrum der UB Heidelberg ist hingegen im Bereich der Handschriftendigitalisierung äußerst erfahren und verfügt mit vier „Grazer Buchtischen“ über die optimale Ausstattung für die Digitalisierung wertvoller und empfindlicher Materialien.

Der Projektablauf sieht vor, dass die Handschriften in Tranchen zu 50 Stück immer halbjährlich nach Heidelberg transportiert werden. Insgesamt ist das Projekt auf zwei Phasen von jeweils drei Jahren angelegt. In jeder Phase sollen damit etwas mehr als 300 Handschriften digitalisiert werden. Die UB Heidelberg übernimmt die Digitalisierung und Onlinestellung der Handschriften gemäß den Richtlinien der DFG. Die Bearbeitung und Präsentation der Digitalisate erfolgt über das in Heidelberg entwickelte Workflowprogramm DWork.

Insgesamt werden in der ersten Projektphase voraussichtlich etwa 138.000 Images in Heidelberg generiert. Die für die Digitalisate notwendigen Metadaten zu den einzelnen Handschriften stammen aus den ebenfalls DFG-geförderten Projekten zur Katalogisierung des Mainzer Handschriftenbestandes von Gerhardt Powitz, Gerhard List und Christoph Winterer. Alle im Projekt erzeugten Daten sind für die Bereitstellung im Open Access vorgesehen.

Heidelberg übernimmt in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek Mainz den Aufbau eines Online-Portals, das neben dem Zugang zu den digitalisierten Codices auch umfangreiche inhaltliche Informationen zur Geschichte und Bedeutung der Bibliothek sowie zu einzelnen Handschriften bereitstellen wird. Auch diejenigen erhaltenen Handschriften, die sich heutzutage in etwa 20 anderen weltweit verstreuten Institutionen befinden und in vielen Fällen bereits digitalisiert sind, sollen soweit möglich im geplanten Portal virtuell zusammengeführt werden.