Rückert, Heinrich
Lohengrin (Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur von der ältesten bis auf die neuere Zeit, sechsunddreißigster Band: Lohengrin.) — Quedlinburg und Leipzig, 1858

Page: 206
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/Rueckert1858/0210
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
206 LESARTEN.

der letzten Jahrhunderte des Mittelalters, den Dialect ihrer Heimat an die
Stelle des im Original vorgefundenen gesetzt, aber ebenfalls nach der fahr-
lässigen Art dieser Schreiber hier und da zufällig die ihnen vorliegenden frem-
den Formen mehr oder minder treu bewahrt. — Die C. Fr. bezeugen auch darin
ihre Unabhängigkeit von der Quelle von A und B, dass sich in ihnen keine Spur
von der bairischen Lautbezeichnung findet. Auch sie gehören im Wesentlichen
demselben mittelrheinischen Dialect an, der hier nur noch mehr wie in A und
B durch niederdeutsche Einflüsse gefärbt ist, aber sie weisen, wenn man ih-
nen diese zufällige Einkleidung nimmt, welche sie durch ihren Schreiber er-
hallen haben, auf eine Lautbezeichnung zurück, die der gew. mhd. entspricht.
Diese muss im Allgemeinen als die ursprüngliche des ganzen Werkes angese-
hen werden. Denn selbst wenn das Gedicht nach seinem localen Ursprung
Baiern zuzuweisen wäre, wofür, wie unten näher ausgeführt werden wird,
Manches spricht, so ist doch nicht anzunehmen, dass sein Verfasser, der ganz
bestimmte Muster der älteren Poesie bis in die unbedeutendsten Aeusserlich-
keiten nachahmte, der überhaupt in seiner Art als ein Mann von nicht gerin-
ger literarischer Bildung angesehen werden muss, der Lautbezeichnung des
vulgären Dialects seiner Umgebung bei der Niederschrift seines Gedichtes
Raum gegeben hätte.

Neben ihren gemeinsamen Bestandteilen enthalten A und B, wie schon
im Allgemeinen bemerkt wurde, eine Menge selbständiger Züge. Ihre genauere
Untersuchung bietet die Grundlage für die Wiederherstellung des Textes über-
all da, wo solche Abweichungen Statt finden. In Folge dieser Untersuchun-
gen stellt sich heraus, dass A seiner mit B gemeinsamen Quelle näher steht,
als B. B ist zwar, an sich betrachtet, in vieler Hinsicht besser als A. Der
Schreiber von B hat an manchen Stellen, z. B. V. 130, 185, 239, 2189, 2922,
die Schreibfehler, welche hier A durch Nachlässigkeit seines Schreibers oder
vielleicht auch durch treues Copieren seines ihm vorliegenden Textes giebt, ver-
mieden oder mit Geschick corrigirt und dadurch die ursprüngliche Lesart bes-
ser als A bewahrt. Aber dafür erlaubt sich B an noch mehreren anderen
Stellen willkürliche Aenderungen, sowohl um wirkliche Verderbnisse des ihm
vorliegenden Textes oder seiner mit A geineinsamen Quelle ungeschickt zu
verbessern, wie z. B. V. 29, 54, 70, 287, 207, als auch um richtige,
aber dem Schreiber unverständliche Worte und Wendungen mit anderen ihm
geläufigen zu vertauschen, z. B. glichen für gaten, tragen für dinsen, strecken
oder erwecken für trecken zu schreiben; ein Verfahren, von dem sich in A
keine Spur findet. So liefert B allerdings, mit A verglichen, einen lesbarem
Text, obwohl auch B, weil aus derselben schon verderbten Quelle wie A
geflossen, fast überall da, wo die heutige Kritik nothwendig einer Unter-
stützung durch die handschr. Ueber lieferung bedurfte, nichts bietet und meist
nur da Hülfe gewährt, wo sie von selbst auch ohne ein handschr. Zeugnis«
gefunden werden kann und darf. Aus dem Angeführten lässt sich die Me-
thode, fiach welcher beide Hds. benutzt werden mussten, leicht bestimmen. A
wird als treueres Bild der Textesgestaltung zu betrachten sein, welche A und
B zu Grunde liegt. Wo A und B differiren, kann B nur dann zur Correc-
loading ...