Wegener, Hans
Beschreibendes Verzeichnis der deutschen Bilder-Handschriften des späten Mittelalters in der Heidelberger Universitäts-Bibliothek — Leipzig, 1927

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Die deutschen Bilderhandsehriften des späten Mittelalters
in der Heidelberger Universitätsbibliothek.

Mit recht großer Wahrscheinlichkeit kann man annehmen, daß die altdeutschen Bilderhandschriften
der Heidelberger Universitätsbibliothek (mit Ausnahme von Sal. VII. 114) aus der Hof- und Privat-
bibliothek der Kurfürsten von der Pfalz stammen und daß sie zum größten Teil in der Zeit ihrer
Entstehung erworben sind. Bei einer ganzen Reihe von Handschriften geben Wappen oder Eintragungen
einen direkten Beweis dieser Annahme, bei den übrigen steht nur die Herkunft aus der alten Palatina
fest. Wir kennen aber die einseitige Zusammensetzung der alten Universitätsbibliothek und der Bücher-
sammlung der Artistenfakultät aus Bibliotheks- und Akzessionskatalogen (von 1396—1432) gut genug, um
zu wissen, daß sich darunter keine deutschen Bilderhandschriften befanden. Ebensowenig sind sie als
Erwerbungen der Stiftsbibliothek im XV. und XVI. Jahrhundert denkbar. Audi unter den Handschriften,
die Ludwig III. der Stiftsbibliothek vermacht hat, war höchstwahrscheinlich keine deutsche Bilderhand-
schrift. In den Büchersammlungen, die im XVI. Jahrhundert zur Palatina kamen, lassen sich nur zwei
illustrierte deutsche Handsdiriften nachweisen: der Sachsenspiegel (pal. germ. 164) unter den von Fugger
geschenkten Handsdiriften (R. Sillib: Zur Geschichte der großen Heidelberger Liederhandschrift, Sitmngs-
beridite der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1921) und „der Renner uff papir gesdiriben ..."
(pal. germ. 471) in dem Verzeichnis der Handsdiriften, die Otto Heinridi von Neuburg nadi Heidelberg
bradite. Es bleibt also bloß die Möglichkeit, daß die deutschen Bilderhandsdiriften 1558 aus der Privat-
bibliothek der Kurfürsten in die Palatina gekommen sind.

Ein zwingender Beweis dafür, daß die Handschriften zum größten Teil in ihrer Entstehungszeit von
den Kurfürsten gekauft sind, läßt sich nidit erbringen. Es ist aber durchaus das Nächstliegende an-
zunehmen: daß die Kurfürsten vor allem Handschriften ihrer Zeit gesammelt haben. Dafür spricht audi
der Umstand, daß sich unter den altdeutschen Bilderhandsdiriften zeitlidi und örtlidi eng zusammen-
gehörende Gruppen herausheben, daß drei Werkstätten mit einer ganzen Reihe von Erzeugnissen vertreten
sind. Außerdem ist es sehr unwahrscheinlich, daß am Ende des XV. Jahrhunderts oder gar im XVI. Jahr-
hundert Handschriften aus der Straßburger oder Hagenauer Werkstatt mit ihrem sehr volkstümlichen
Charakter noch gefallen hätten.

Unter dieser Voraussetzung soll der Versuch gemacht werden, den Anteil der einzelnen Mitglieder der
pfalzgräflichen Familie an der Sammlung altdeutscher Bilderhandsdiriften festzustellen. Die grundlegende
Arbeit Konrad Burdachs: Die pfälzischen Witteisbacher und die altdeutsdien Handschriften der Palatina,
Centralblatt für Bibliothekswesen 1888, 3, ist der Ausgangspunkt der Untersuchung. Selbstverständlich
können uns die Reste, die erhalten geblieben sind, kein lückenloses Bild von der Sammeltätigkeit der
Bücherfreunde des kurpfälzischen Hauses geben, doch ist immerhin ein Einblick möglich in das Verhältnis,
das sie zur zeitgenössischen Literatur und Illustration gehabt haben.

Bei den Handschriften des XIV. Jahrhunderts läßt sich mit Ausnahme von pal. germ. 164, deren Herkunft
bereits festgestellt ist, der Käufer nicht ermitteln, da eine genaue Datierung nicht möglich ist. Erst mit
Ludwig III., dessen Sammeltätigkeit wir aus verschiedenen Quellen kennen und den wir als den eigent-
lichen Begründer der Kurpfälzischen Privatbibliothek ansehen dürfen, gewinnt die Untersuchung festen
Boden. Wir können in ihm den Käufer der Handschriften aus der Straßburger und zum Teil der Hagenauer
Werkstatt sehen, die vorwiegend alte Ritterdichtungen enthalten, also gerade das, was Püterich von
Reichartshausen wohl am meisten an der Bücherei Ludwigs begeistert haben mag. Auch die frühen
bayrischen Handschriften pal. germ. 3, 7, 14, 329, 330, 336 und 794 und die mittelrheinische Handschrift

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