Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 41.1916

Page: 142
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1916/0168
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
142

HANS MÖBIUS

der verschränkten Hände hat Curtius1 als Ausdruck orientali-
scher Gehaltenheit gedeutet, sie findet sich auch bei den
Göttern der Tafel von Nippur und der Siegelzylinder. Man
fühlt noch, wie mühsam selbst diese imposanten Werke mit
den Schwierigkeiten richtiger Proportionen kämpfen, und die
kleine, durch den Kopf vervollständigte Gudea-Statuette2 läßt
uns den Zusammenhang mit den archaischen Werken wie den
Gegensatz gegen die schlanken Gestalten der Sargon-Zeit völlig
deutlich werden.
Der Typus sitzender Frauen entspricht demjenigen der
Männer, wir kennen ihn durch Votivstatuetten aus Kalkstein;
teils falten sie, ebenso wie Gudea, die Hände über einer Tafel,
die auf ihren Knieen liegt3, teils halten sie ein Gefäß an sich
gedrückt4.
Wir wenden uns nun zu den ältesten Reliefs, den Votiv-
platten des Ur-Nina5 und archaischen Zylindern, um uns über
die Art der Projektion in die Fläche klar zu werden. Wieder
ist es das lange, breite Gewand, das diese Aufgabe in hohem
Grade erschwert. Es wird nach den Gesetzen primitiver
Perspektive völlig in der Fläche ausgebreitet und steht unterhalb
der Kniee weit vom Körper ab, die Füße erscheinen darunter
willkürlich angesetzt. Bei dem Zottenrock des Ur-Nina kann
man schwanken, ob das Gewand überhaupt in Vorder- oder
Seitenansicht gedacht sei, bei dem Mantel, den die Götter auf
den Tafeln von Nippur6 tragen, gibt die geschwungene Mittel-
falte die vorauszusetzende Linie der Oberschenkel an. Man hat
demnach den Eindruck, als ob das dem Beschauer nähere Bein
zurückgesetzt sei.
Auf solche Weise haben jedenfalls die Künstler der klassischen
Zeit Sargons und Naramsins das alte unklare Schema aufgefaßt
1 Münch. Jahrb. d. bild. Kunst VIII 1913, 5ff.
2 Heuzey, Nouvelles Fouilles de Tello pl. 1. Curtius, Ant. Kunst
I 246 Abb. 208. K. i. B. I 45, 2.
3 Dec. 25, 3. Berlin: Amtl. Ber. a. d. Kgl. Mus. 36, 1915, 191 — 194
Fig. 81-83.
4 Louvre, Heuzey, Catal. Nr. 89. K. i. B. II 44, 1, 2.
5 Dec. pl. 2 bis Nr. 1. K. i. B. II 42, 2. Curtius, Antike Kunst I 254
Abb. 218.
6 Ed. Meyer, Sumerier und Semiten 100, 101. K. i. ß. II 47, 1.
loading ...