Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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LUDWIG CURTIUS

erkannt. Die Reihe seiner Beispiele könnte leicht vermehrt
werden, vor allem durch die schöne Grabstele in Berlin (Amtl.
Berichte XXXII 1910, 2 Abb. 1; Arch. Jahrb. XXVI 1911, 74
Abb. 15) und die trauernden Frauen Not. d. scavi 1913 Suppl. 48
und Not. d. scavi 1902, 215 der von Ducati, Miscellanea Orsi
S. 104 mit großer Wahrscheinlichkeit auf Lokri in Unteritalien
zurückgefiihrten Bronzespiegelklasse. Also trauernde Mädchen,
gewiß. Aber wo trauern sie und warum? Rizzo war eben
dadurch auf die falsche Fährte geraten, daß er die Trauernden
unseres Sarkophags interpretierte wie die des Klagefrauen-
sarkophags von Sidon oder die der kleinen Metope eines
Grabbaus in Athen (a. a. O. 153), eben schlechtweg als
Trauernde am Grabe. Sie sind dies wohl auch, wie wir gleich
sehen werden, aber sie sind es innerhalb der Unterwelt; die
Trauernden jener Grabfiguren gehören der Oberwelt an. Sie
sind, am deutlichsten auf jener Berliner Grabstele der Demarchia,
Ornament des Grabes. Für jene aber ist Grab und Trauer
Inhalt ihrer mythologischen Existenz.

Man muß sich, um diesen Unterschied einzusehen, nur klar
machen, daß keineswegs jede heroische Figur der Nekyien
trauert. Aus der Beschreibung der Nekyia des Polygnot bei
Pausanias X 28, lff. geht das deutlich hervor, und ein Blick
auf Roberts Rekonstruktion (16. Hallisches Winck.-Progr.) zeigt
uns die Töchter des Pandareos beim Astragalspiel, Phaedra auf
der Schaukel, ja von den Frauen ist keine einzige ausdrücklich
durch Trauer charakterisiert, wie es doch von Hektor besonders
hervorgehoben, aus der Haltung für Sarpedon und Peirithoos
zu erschließen ist.

Also sind die Trauernden des Sarkophags nicht schlechtweg
Trauernde der Unterwelt, sondern in der Unterwelt wegen einer
besonderen Wendung ihres Lebens in Trauer Verharrende.
Daraus ergibt sich auch die Erklärung des tektonischen Gebildes,
auf dem sie sitzen. Daß dies nicht ein Altar sein miisse, hat
schon Hauser (a. a. O. 278) gegen Rizzo bemerkt. Wäre es ein
Altar, dann könnten unsere ‘Trauernden’ nur ‘Schutzflehende’
sein. Aber davon ist keine Rede. Der Typus der Schutz-
flehenden ist uns aus der von Hauser (Österr. Jahresh. XV
1912, 168ff.; Gruppe, Bericht iiber die Literatur z. ant.
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