Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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LUDWIG CURTIUS

stück, die Mutter mit dem Knäblein. Schon Hauser (a. a. O.
279) hatte sie als erfüllt von Selbstbewußtsein ‘neben dem
Elend der weggekrümmten Schwester’ verstanden. Aber er
deutete sie doch wohl nur als Schwester aus dem Geschlecht
der Weiber, während wir zu beweisen glauben, daß alle drei
wirkliche Schwestern sind von gleichem Vater oder gleicher
Mutter, ofiogyvtTg. So scheint mir auch der teilnahmvolle Blick
der Stehenden nicht nur der einen Schwester neben ihr zu
gelten, sondern dem Schwesternpaar, wie auch die Mutter links
nicht ihre Nachbarin ins Auge faßt, sondern in der Wendung
ihres Hauptes zurück und zur Seite Beziehung und Entfernung
zugleich in ihrem Verhältnis zur Mittelgruppe ausspricht.

Also drei Schwestern durch den Tod eines Blutsver-
wandten verbunden, aber offenbar mit verschiedenen Rollen an
ihm beteiligt, jungfräulich die einen und Büßerinnen im Hades,
Frau und ‘vollendet’ die andere, alle drei Charaktere der
Heroenwelt, jcaQaö'siyfiara einer Nekyia, wer mögen sie sein?

Man denkt zuerst an den Gegensatz von Hypermnestra und
ihren Schwestern, den Töchtern des Danaos. Aber ihr Typus
ist im Bilde der Wasserträgerinnen in der Unterwelt festgelegt,
also nicht mehr frei. Die Danaiden können es nicht sein.

Wohl aber gibt es eine Dreizahl von Schwestern, zwei
schuldig aus törichter Leichtgläubigkeit am Tode des Vaters,
die dritte schuldlos und durch Gattenliebe zum großen Typus
von Sage und Bild geworden, die Töchter des Pelias, zwei,
deren Namen schwanken, doch die dritte Alkestis. Diese sind
es, und nun wird uns das Relief als ein neues Beispiel ver-
ständlich jener rjöojzoua, der mit den sparsamsten Mitteln der
Verbindung und des Kontrastes arbeitenden Komposition des
Figurenbildes, die mit Recht und Unrecht ‘polygnotisch’ heißt.

Die schuldigen Peliastöchter sind auf dem Sarkophag als
ein nicht weiter in sich differenziertes Paar gegeben. Ihre
Namen schwanken. Siehe Hoefer in Roschers Lexikon, Peliades
Sp. 1845ff., Robert, Griechische Heldensage I 30 Anm. 7; III 868.
Aber hinter der wuchernden Weiterbildung der Sage, die drei
und vier Peliastöchter außer Alkestis kannte, gelegentlich auch
Alkestis sich am Morde des Vaters beteiligen ließ, und harmo-
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