Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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ZUM SARKOPHAG VON TORRE NOVA

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Totenrichter sich gerade auf Theseus und Peirithoos beziehen.
Auch darin trenne ich mich von Studniczka und seinen Vor-
gängern (Studniczka, a. a. O. 180), daß es mir unmöglich er-
scheint, Platte B unmittelbar an C anschließen zu lassen. Die
Totenrichter sind in dem die Figur isolierenden Reliefstil des
Frieses durch ziemlich gleiche Intervalle voneinander getrennt.
Läßt man B unmittelbar an C anstoßen, entsteht ein zu enges
Intervall, und die beiden Figuren, der sich auf den Stock
stützende Totenrichter und der Mann mit den gefalteten Händen,
prallen zu jäh aufeinander. Hier fehlt mindestens eine Platte
mit drei Figuren dazwischen. Dadurch rückt auch dieser näher
an das Freundespaar heran, als zu welchem gehörig er schon
durch das kiirzere Intervall gekennzeichnet ist. Die gefalteten
Hände können nur demiitige Ergebung ausdriicken. Auch er
ist unter den Büßern im Hades zu suchen.

In welchem Verhältnis der Anordnung die neu erschlos-
senen Frauenfiguren der Nekyia des Ilissosfrieses zu den
bekannten Platten stehen, dariiber läßt sich einstweilen nichts
Sicheres aussagen.

Aber wie diese wunderbare Welt heroischer Jenseitsdichtung
in unserer Poesie noch einmal lebendig Wird, daran miissen
wir zum Schlusse erinnern, in Goethes Elegie Euphrosyne
(Loeper, Goethes Gedichte I, 424ff.; Graef, Goethe iiber seine
Dichtungen III 1 Nr. 580, 623). E. Maaß hat kiirzlich (Neue
Jahrb.f.d.klass. Altert. XXIII 1920, 281 ff.) die Genesis ihrer Motive
sehr schön dargelegt. Sie stammen aus Polygnot, Orpheusrelief,
Properz und den römischen Sarkophagen. Hygin wirkt nach:

131 Penelopeia redet zu mir, die treuste der Weiber,

Auch Euadne, gelehnt auf den geliebten Gemahl.

Und der antike Sinn der Nekyia der Poesie und der bilden-
den Kunst gliiht herrlich wieder auf in den Versen:

122 Nur die Muse gewährt einiges Leben dem Tod.

Denn gestaltlos schweben umher in Persephoneias
Reiche massenweis Schatten von Namen getrennt;
Wen der Dichter aber geriihmt, der wandelt gestaltet,
Einzeln, gesellet dem Chor aller Heroen sich zu.

Heidelberg. Ludwig Curtius.

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