Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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F'RITZ KRISCHEN

genau derjenigen des Parthenonfrieses entsprechen: an der
Rückfront Aufbruch qnd an den Langseiten beiderseits gleich-
artige Bewegung zur Mitte der Vorderfront auf die dort thronen-
den oder stehenden Göttergestalten zu.

Zum Schluß wird eine Betrachtung über die Datierung am
Platze sein. Auf Grund stilistischer Erwägungen, zu denen
namentlich die Nereiden und der große Fries Anlaß geben, hat
man das Denkmal noch vor die Mitte des V. Jahrhunderts ge-
setzt. Geschichtliche Zusammenhänge, die zum Inhalt des
kleinen Sockelfrieses paßten, führten ins IV. Jahrhundert. Ich
glaube, daß die architektonische Entwicklung sehr viele und ver-
hältnismäßig sichere Anhaltspunkte für die Lösung der Frage
gibt, die wir nun einmal ohne Rücksicht auf die widerstreiten-
den bisherigen Ergebnisse versuchen wollen.

Die ionische Baukunst Kleinasiens zeigt im VI. Jahrhundert
stark voneinander abweichende Typen. Das ist natiirlich; Formen
mit kanonischer Geltung können immer erst das Ziel einer
längeren Entwicklung sein. Im Anfang waren die Dialekte, am
Ende haben wir die Koine. AIs Mittelpunkte solcher architek-
tonischer Mundarten bieten sich zwanglos die beriihmten Heilig-
tiimer, wie das Artemision zu Ephesos, das Heraion von Samos.
In der Tat lassen sich sehr wohl ephesische und samische Be-
sonderheiten aufweisen. Nehmen wir als dritten Kreis den-
jenigen, in den die Säule von Neandria mit ihren Verwandten
gehört. Auch erscheint es nicht ausgeschlossen, daß sich noch
mehr Familien bei eindringender Betrachtung und weiterem Zu-
wachs an Stoff ergeben werden. Immerhin dürften die beiden
erstgenannten die bedeutendsten bleiben. Allen gemeinsam ist
die Schlankheit der Säulenschäfte, die stellenweise, wie in Ne-
andria und bei der Naxiersäule, an die überschlanken persischen
Säulen erinnert. Die Säulen des archaischen Artemisions ge-
drungen zu rekonstruieren, war eine ganz unglückliche Idee
von Hogarth, auf die man leider eingehen muß, weil selbst
F. Studniczka sie nicht abgewiesen hat, ja in seinem Aufsatz
iiber den Ilissosfries damit operiert K Hogarths Verfahren muß
auf einer unklaren Vorstellung vom Wesen archaischer Bau-

1 Jahrbuch des arch. Inst. XXXI 1916, 200.
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