Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 48.1923

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ERNST PFUHL

Wir beginnen mit der Feststellung, daß die Grundlagen der
bisherigen Geschichtskonstruktion verschoben sind. Von der
These, daß die attische Plastik von Holz über Kalktuff zu
Marmor fortgeschritten sei, gilt nicht nur der zweite Teil noch
allgemein, sondern auch der erste hat soeben in einem Forscher
von unvergänglichen Verdiensten, in Heberdey, wieder einen
Anwalt gefunden \ Der Meister, dessen genialem Scharfblick
wir das Wiedererstehen der altattischen Poroskunst zu einem
sehr großen Teile verdanken, denkt sich vor ihr eine ausgebil-
dete Puppenplastik aus Holz in den Giebeln hölzerner Bauten.
Demgegenüber kann und braucht hier nur zweierlei bemerkt
zu werden. Die älteste Porosplastik führt uns bis in das Jahr-
hundert der Entstehung der monumentalen Kunst hinauf, das
VII. Jahrhundert. Plastischer Giebelschmuck ist in vormonu-
mentaler Kunst undenkbar; der Werkstoff istnahezu gleichgiiltig.
Ein allgemeiner Grund fiir Heberdeys Annahme besteht also
nicht; sein individueller Ausgangspunkt fällt aber auch weg,
seitdem Buschors von tiefstem Verständnis fiir das Wesen des
hocharchaischen Stiles getragene Behandlung des Ölbaum-
giebels gezeigt hat, daß auch er keine Puppenplastik, sondern
ein griechisches Hochrelief ist 1 2. Das Hochrelief aber stammt
nicht von der kiinstlerischen Anarchie einer Puppenplastik ab,
sondern von der reliefmäßigen Bindung einer Gruppenplastik,
die ein Relief ohne Grundfläche im Hildebrandschen Sinn ist.
Die Holzplastik steht bei den Griechen neben, nicht vor der
Plastik in anderen Werkstoffen. Das Gleiche gilt für die Kalk-
steinplastik, auch in Attika. Auf den Kykladen, wo geeigneter
Kalkstein fehlt, gab es schon im III. Jahrtausend Marmorstatuetten
bis zu ansehnlicher Größe. Härte des Steines hat den Menschen
ja nie geschreckt, in fernster Urzeit so wenig wie im ältesten
Ägypten.

So braucht es nicht zu befremden, daß in Attika nicht nur
neben der jüngeren, sondern schon neben der älteren Poros-
plastik eine Marmorplastik steht. Reste davon besaßen wir in
den flachen Relieftieren und den Bruchstiicken eines kleinen

1 Strena Buliciana 1 ff.

2 A. M. XXXXVII 1922, 81 ff.
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