Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 5.1971

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Blumen, die vorauszusetzen sind (da sie in ihrer ursprüng-
lichen Form schon nicht mehr existieren), weisen auf
eine Motivverwandschaft mit dem „dynamischen“
Akanthus an. Man kann annehmen, dass die Gemälde
zur Zeit des grossen Burgumbaues in den Jahren 1490—
1510 entstanden sind.
Der von Wandornamenten geschmückte Raum im
Thurzoer Haus in Banská Bystrica befindet sich im Erd-
geschoss an der Nordseite des Bauobjekts. Der untere
Wandteil bildet ein illusiver Sockel in grauer und roter
Farbe. Darüber befinden sich zwei Reihen von Figur-
gemälden mit biblischer Thematik, mit Ausnahme von
zwei Szenen. Die eine, der ,,Tanz mit dem Bären“, ist frei
in das Ornament einkomponiert. Sie ist von gleicher
Höhe und Breite wie die anderen Gemälde und ist von
einem flach gegliederten Band umrahmt. Die andere,
heute schon schwer zu identifizierende Szene weltlicher
Thematik ist eine Jagdszene mit einer Herrscherfigur.
Dieses Gemälde könnte mit einem Besuch des Königs
Mathias Corvinus im Zussamenhang stehen. Zwei Wap-
pen sind in das Ornament der Mittelachse der Wölbung
eingegliedert: das Corvinus-Wappen und eine heraldische
Alegorie. Weitere freie Flächen bedeckt ein rankenförmi-
ges Ornament, das zum Grossteil bei der Rekonstruierung
ergänzt wurde und aus Blätter- und Blumenmotiven
besteht. Es entfaltet sich in einem bogenförmigen Kom-
positionsrytmus, dessen Bewegung durch einen sich reich
entfaltenden Akanthusstrauch bestimmt wird. Das
Ornament ist zeichnerisch, die Modellierung linear-grap-
hisch, schüttere Raffungen sind nur an einigen Stellen
angedeutet. Genau so zeichnerisch sind die figuralen
Darstellungen ausgeführt, obwohl nicht mit solcher
Sicherheit und Kenntnis der Perspektive und Anatomie,
wie man nach der Qualität des Ornaments voraussetzen
könnte. Die gegenseitige semantische Beziehung beider
Gemäldegattungen ist unausgeglichen. Der ethische Inhalt
der Szenen wird bevorzugt, das Ornament wirkt nur
sekundär. Deswegen kann man die Auffassung der Innen-
dekoration als traditioneller betrachten. Die Blumen-
motive auf grüner Grundlage mit brauner Konturlinie
entsprechen dem spätgotischen Ornamententypus. Das
Corvinus-Wappen an der Decke bestimmt das möglichst
späteste Entstehungsdatum — das Jahr 1490. Mathias
Corvinus hat Banská Bystrica zum ersten Mal im Jahre
1465, zum zweiten Mal im Jahre 1478 besucht. Mit einem
dieser Besuche wird die Ausstattung des Hauses mit
Wandmalereien im Zusammenhang stehen. Die traditio-
nellere Baukomposition der Wand spricht für den ersten,
obwohl wir da schon ein fortschrittlicheres Entwicklungs-
stadium finden: das Einkomponieren der Szene in das
Ornament und dadurch die Festsetzung der Funktion
des Motives (Tanz mit dem Bären, die Fabel vom Fuchs
und Storch).
Die ornamentale Dekoration an der Burg Orava be-
deckt alle vier Wände des Raumes im 2. Stockwerk des
Bergfriedes, der in den 80-er Jahren 15. Jahrhunderts
zu einem Wohnteil des mittleren Palais umgebaut wurde.
Das Ornament hat verhältnismässig gleichen harmoni-

schen Rhytmus. Die rechte Seite der Ostwand ist mit
einem hexagonalen Quadermuster bedeckt, das zuneh-
mend von Stäbchen durchbrochen wird, die einen stili-
sierten Garten umzäumen. Da die Raumdecke bei der
Rekonstruierung gesenkt wurde, kann man nicht feststel-
len, wie sich das Ornament mit stilisierten Weinreben,
Blättern und Kürbisfrüchten entfaltet hatte. Eine Versta-
bung, an der in sekundärer Funktion Blätter angesetzt
sind, bedeckt die Wand in grossen Volutebögen. In der
Mitte des Bogens wird die Kurve mit einem gegliederten
Blatt, einer Blume oder einer Frucht abgeschlossen. Das
Ornament setzt ununterbrochen an den Fensternischen
fort. Es hat schwarze Konturen und ist grün, rot, gelb
und blau kolloriert, zarte Raffungen modellieren eine
einfache Form. An 3 Seitenwänden waren ins Ornament
Wappen einkomponiert, von denen eines dem Ján Corvi-
nus gehörte. Diese Wappen bestimmen die Entstehungs-
zeit der Gemälde, die in die Jahre des Burgumbaues
1480—83 fällt. Zu Gunsten dieser Datierung spricht auch
der Ornamententypus und dessen höchst dekorativer
Charakter.
Alle drei Gemäldekomplexe sind gewissermassen ver-
wandt. Es handelt sich um die gleiche, individuell moti-
visch geformte Ornamentsart, um die gleiche Absicht
ein Interieur dekorativ und angenehm zu gestalten. Auch
die Komposition des Ornaments ist ähnlich; Unterschiede
stammen vor allem aus der individuellen Handschrift
verschiedener Maler.
J. Weingartner versuchte in einer 1928 erschienenen
Studie über mittelalterliche Wandmalerei in Tirol ihre
Entwicklungsstufen darzulegen. Er befasste sich mit dem
Verhältnis der figuralen Wandgemälde zum Ornament
und zeigte, wie man von einer thematischen, im unteren
Teil durch einen illusiven Sockel oder Vorhang begrenzten
Gemälde bis zu einer freien, untektonischen Tapetierung
der Wände überging. Er wies auch auf die Einbeziehung
figuraler Szenen in das Ornament hin. Zu dieser Ent-
wicklung ist es um die Mitte des 15. Jahrhunderts gekom-
men. Weingartners Schlussfolgerungen sind auch für
die Beurteilung erwähnter slowakischer Wandgemälde
bedeutsam. Auch bei ihnen wird der ursprüngliche Vor-
hang durch einen illusiven Sockel oder Quadermuster
ersetzt. Auch die Figuralkomposition wird in das
Ornament einbezogen. Man kann da verschiedene Stufen
dieser Entwicklung feststellen.
Auch die Komposition des Akanthus-Ornaments
wird analysiert und verglichen. Im Zvolen finden wir
das vollkommenste Stadium. Aus der teilweisen motivi-
schen Verwandschaft des illusiven Vorhangs und des
Ornaments kann man schliessen, dass es sich hier um ein
Bemühen den illusiven Vorhang durch das Ornament
zu ersetzen handelt. Ein anderer Impuls, der den Künst-
ler zu ornamentaler Dekoration des Interieurs führte,
war das Bestreben Emotionen und Erlebnisse aus der
Natur ins persönliche Leben zu übertragen. Das Orna-
ment war im gewissen Sinne fähig diesem Bemühen zu ent-
sprechen.

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