Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,2): Einzelmythen: Hippolytos - Meleagros — Berlin, 1904

Seite: 199
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TAFEL LI RÖMISCHE SARKOPHAGE 161

199

Litteratur: Brunn Archaeologischer Anzeiger 1853 S. 345*;
Cataloghi del Museo Campana (1858). Classc VII p. 6 nr.313; H. HlNCK
Annali deW Institute* XXXIX 1867 109. /. 115 sqq.; d'escamps
a- a. 0. p. 41 (mit falscher Fundangabe); heydemann Archaeologische
Zeitung XXIX 1871 S.iöof.; conze Römische Bildwerke einheimischen
Fundorts in Oesterreich 1873 S. 6 ff. (Denkschriften der Philosophisch-
historischen Classe der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften XXII);
Kalkmann De Hippolytis Euripideis 1882 p.^s.\ Derselbe Archaeo-
logische Zeitung XLI 1883 S. 65 ff. (F); Puntoni a.a.O./. 41 «r.11;
Lechat Bulletin de correspoudence hellenique XIII 188g p. 331 n. i\
Catalognc sommaire des Marbres antiques du Musee national du
Louvre 1896/. 134 w.2294; B. Sauer a.a.O. S.22ff.; Robert Hermes
XXIX 1894 S. 430; Altmann a.a.O. S. 107. S. in.

Auf der Vorderseite Fig. 161 sieht man links auf einer
postamentartigen, profilirten Stufe die Phaedra-Gruppe.
Mit Diadem, Schleier, hochgegürtetem Chiton, Mantel und
Sandalen bekleidet sitzt vor einem ausgespannten Vorhang
Phaedra in matter Haltung auf einem einfachen Stuhl, auf
dem ein befranztes Kissen liegt. Die linke Hand ruht schlaff
lrn Schooss, die rechte zieht einen Zipfel des Mantels ein
wenig- empor. Der Kopf ist mit müdem Ausdruck zurück-
gewandt und gesenkt. Eine hinter ihr mit gekreuzten
deinen dastehende, mit Aermelchiton und Schuhen be-
kleidete Dienerin legt die rechte Hand an den Oberarm
der Königin; den Kopf hat man sich nach 163 emporge-
reckt und das Antlitz der Phaedra beobachtend zu ergänzen.
An das Knie der Königin lehnt mit gekreuzten Beinen ein
Amor mit Scheitelflechte, um den linken Arm eine kleine
Chlamys gewickelt. Den rechten Arm hebt er zu Phaedra
empor und blickt sie mit aufwärts gewandtem Kopf offenen
Mundes an; vgl. 151. 154b. 1601. Eine rechts neben Phaedra
befindliche zweite Dienerin mit Haarband und hochgegür-
tetem Aermelchiton biegt den Oberkörper etwas nach links
vorwärts, um an der Amme vorüber nach Hippolytus blicken
/u können. Dass der Restaurator die Linke wie drohend
zur Paust geballt ergänzt hat, ist gewiss verkehrt. Das
Mädchen hatte bisher den linken Ellenbogen in die rechte
Hand gestützt und den Kopf auf die linke Hand gelehnt
Und löst nun in Folge der Biegung des Oberkörpers die
Arme aus ihrer Verbindung. Vgl. die dritte Figur von links
auf 151. Rechts folgt die Amme in der üblichen Tracht,
mit entblösster rechter Schulter. Die Rechte auf die
Brust gelegt, die Linke erhoben, redet sie auf Hippo-
lytus ein. An diesem sind antik nur der Kopf, der wohl
etwas mehr in Vorderansicht zu stellen war, die linke Hand
mit einem Rest des Speeres, sowie die herabfallende Chla-
mys mit einem Puntello für die Fortsetzung des Speeres,
endlich das rechte Bein und der linke Fuss mit dem An-
satz des Unterschenkels. In der rechten Hand hat er, wie
ai'f 163, sicherlich die Schreibtafel gehalten. Auch wird er
wohl wie dort ein Schwert an der Seite getragen haben.
von seinem hinter ihm vorbeischreitenden Ross sind alt

das Hintertheil, die Vorderbeine und der grösste Theil des
Kopfes, den aber der Ergänzer, wie die Vernachlässigung
der linken Seite zeigt, nach rechts ins Profil stellen und
ausserdem weiter von Hippolytus abrücken musste. Neben
dem Heros liegt mit gesenktem Kopf sein Hund. Das Pferd
wird von einem Genossen des Hippolytus, der eine flatternde
Chlamys und Jagdstiefel und an der Seite das Schwert trägt,
an einer Leine nach rechts fortgeführt, vgl. 151 und das
Gemälde aus den Traiansthermen S. 177.

Von den bisher besprochenen Figuren abgewandt folgt
nun ein bärtiger kahlköpfiger, bloss mit einem Himation
bekleideter Alter, der in erregter Discussion mit einem vor
ihm herschreitenden Mädchen seinen rechten Arm mit auf-
wärts gedrehter Handfläche erhebt. Dieses Mädchen, das
den Kopf nach dem Alten zurückwendet, trägt Haarbinde,
einen hochgegürteten ärmellosen Chiton, der von der
rechten Schulter herabgleitet, einen Mantel, den es mit
der gesenkten Rechten etwas emporzieht, und Sandalen.
Auf seinem linken Arm sitzt ein mit Chlamys bekleideter
kleiner Knabe, der in der linken Hand einen Apfel hält
und das rechte Aermchen ausstreckt.

Der Phaedra an der linken Ecke entspricht an der
rechten Theseus, dessen mit Löwenfüssen versehener und
mit einem Kissen bedeckter Stuhl gleichfalls auf einer pro-
filirten Stufe steht. Er ist mit Aermelchiton, Mantel und
Sandalen bekleidet, stützt die Linke auf seinen Sitz und
hebt die Rechte mit einem Gestus des Schreckens zum
Kinn empor. Sein von lockigem Haar und Vollbart um-
wallter Kopf hat etwas Zeusartiges. Das Antlitz zeigt den
Ausdruck des Entsetzens, das offenbar durch den Bericht
des vor ihm stehenden jugendlichen Dieners erregt wird.
Dieser, in tiefgegürteter Tunica, flatternder Chlamys und
Stiefeln, trägt in der Linken eine Lanze und begleitet seine
Rede mit der gesticulirenden rechten Hand. Es ist der
Gefährte des Hippolytus, der den Tod seines Herrn meldet,
Euripides Hipp. V. 1152—1267.

Obgleich also auf dieser Vorderseite zwei zeitlich weit
auseinanderliegende Vorgänge, links der Antrag der Amme,
rechts der Bericht von Hippolytus Tod, dargestellt sind, hat
der Künstler doch beide äusserlich zu einer einzigen Scene
zusammengefasst, die den ganzen Verlauf der Handlung mit
einem Blick überschauen lässt. Diese Einheit ist durch die
Symmetrie der Darstellung, vor allem durch die correspon-
direnden Eckfiguren des Theseus und der Phaedra, aber
auch durch das ganze Compositionsschema so stark wie
möglich betont. Die Mittelgruppe von Hippolytus mit
seinem Diener, seinem Pferd und Hund wird auch durch
die Nacktheit der Figuren noch besonders herausgehoben,
die bei der einstigen Bemalung noch mehr zur Geltung
gekommen sein muss. Die Seitengruppen bestehen aus je
vier menschlichen Figuren; das Uebergewicht, das die linke
Seitengruppe durch die Zufügung des Amor erhält, wird
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