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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 21.1958

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https://doi.org/10.11588/diglit.43788#0168
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Kurt Gerhardt

Zähne kaum, M2 beiderseits nicht. M3 sitzt beiderseits noch im Unterkieferkörper, die
Alveolen sind ziemlich weit offen. Genau dasselbe gilt für den Oberkiefer. (Hier ist eine
Zahnwechselstörung zu erwähnen: der linke Oberkiefermilchkaninus (Eckzahn) ist —
stark abgekaut — stehengeblieben, der voll ausgebildete entsprechende Dauereckzahn
sitzt tief im Oberkieferkörper, und zwar so schief, daß seine Spitze von links hinten
oben nach vorn Mitte gerichtet ist und bis zum Foramen incisivum des Gaumendaches
weist.)
Das Alter des nach diesen Indizien noch jungen Individuums läßt sich genauer fixieren
nach dem Verhalten der Skelettepiphysen: So ist die Epiphyse der Crista iliaca noch
nicht verschmolzen, frei sind auch die distalen Epiphysen der sternalen Schlüsselbein-
enden, am Köpfchen einiger Rippen, an den distalen Enden von Ulna und Radius
fehlen sie ebenfalls. Andere Epiphysen sind teilweise angewachsen: nach alledem läßt
sich ein Alter von 20 Jahren schätzen (Grenze zwischen Juvenil und Frühadult).
Typendiagnose:
Leider ist von dem ausgesprochen zartwüchsigen Skelett nur der rechte Humerus
meßbar erhalten: Größte Länge 28,7 cm. Nach Pearson errechnet sich daraus eine Kör-
perhöhe von 150,5 cm, was untermittelgroß wäre. Auf jeden Fall darf das Individuum
als ziemlich klein gewachsen angesehen werden, auch wenn man dem genannten Maß
aus nur einer Messung — mit Recht — nur sehr beschränkte Gültigkeit belassen will.
Der dünnknochige Hirnschädel liefert — trotz der Zertrümmerung, Lückenhaftigkeit
und Verdrückung — noch einige typendiagnostische Anhalte:
Die Oberansicht ist wohlausgerundet, länglich-oval (wahrscheinlich index-mesokran),
die Sagittalkurve ist bogig gewölbt mit stärkeren Bogenakzenten im Bereich der schwa-
chen Stirnhöcker und dicht hinter der Porionsenkrechten. Die Glabella ist flach, nur
ganz leicht angedeutete Überaugenerhebungen ziehen seitlich davon zum kurzen und
breiten Stirnnasenfortsatz, auf dem das Nasion hoch und weit vorn sitzt. Die Augen-
höhlen sind groß und fast rund, die Jochbeinkörper sind in sich niedrig und wölben in
regelmäßigem Horizontalbogen nach hinten weg. Die Wangengruben können nur seicht
gewesen sein. Die OK-Zähne sind mit ihren Alveolen mittel vorgeschrägt. Am kleinen
Unterkiefer sind die ziemlich breiten Äste und der im Breich der M2 dünne Körper
beachtenswert, ferner der bei Vorderansicht rundliche Kinnvorsprung, welcher im Profil
etwas herabgespitzt ist. Die UK-Äste stehen bei Vorderansicht schräg nach außen oben
und setzen die Richtung der starkbogigen Basalkontur nach nur leichter Betonung der
Unterkieferwinkel fort. Hält man alle Gesichtsreste zusammen, so ergibt sich ein unauf-
fällig schmalförmiges, großäugiges, mittel alveolarprognathes, mäßig nach unten ver-
schmälertes Gesicht.
Alle bisherigen Indizien zusammengefaßt bringen eine nicht eindeutige Diagnose: es
handelt sich entweder um eine besonders zartwüchsige Teutonordide oder — was wahr-
scheinlicher erscheint — um eine grazilmediterranide junge Frau: eine Entscheidung
könnten nur die Pigmentverhältnisse (Augen-, Haar- und Hautfarbe) und die Weich-
teilmorphologie bringen.
 
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