Bulletin du Musée National de Varsovie — 10.1969

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Herald Marx

ZWEI NEUZUSCHREIBUNGEN AN LOUIS DE SILVESTRE

Louis Silvestre le jeune, wahrend des Reichsvikariats Augusts III. 1741 gcadelt, gehiirt
unzweifelhaft zu den glanzendsten Gestalten fiirst]ich-reprasentativer Malerei der ersten Halfte
des 18. Jahrhunderts in Deutschland. Sein Ruhm reicht im Bewusstsein der Nachwelt freilich
nicht an den eines Antoine Pesne, der in Berlin ahnliche Aufgaben zu bewaltigen hatte wie
Silvestre in Dresden und Warschau, doch mag das mit der spateren Verdunklung sachsischer
Geschichte durch die alle Aufmerksamkeit fesselnden Entwickhingen in Preussen zuscmmenhan-
gen, bedeutet also nicht unbedingt einen Masstab fiir kunstlerisehcn Wert.

Der malerische Stil des Louis de Silvestrc zeigt durchaus Eigenart. Er fusst weit mehr ais
andere franzosische Hofkiinstler dieser Zeit in Deutschland auf der grandę manierę der Schule
le Bruns. Allerdings hat Silvestre die verschiedensten, aucb italienische Verbildcr yerarbeitet.1
Er verbindet grossartige und doch leichte Figurenkomposilionen mit heller, haufig an Franęois
Lemoine erinnernder, strahlender Farbigkeit.

Silvestre war, 1715 von August II. zum polnisch-siichsischen Ilofmaler ernannt, auch unter
August III. bis 1748, dem Jahre seiner Riickkehr nach Paris, in Sachsen und Polen tatig.2 Deko-
rative Malereien grossen Stils haben ihn neben einer Fiille von Portrataufgaben hauptsachlich
beschaftigt, seltener religiose Malereien.3

Da Silvestre die Menge der Arbeiten nicht anders ais durch einen ausgedehnten Werkstattbet-
rieb kann bewaltigt haben, horen wir mehrfach von Schiilern: Christian David Muller wird
genannt, auch Gottlieb Friedrich Riedel,4 weiter Johann Casanovą, Friedrich Gottlob Lorenz,
Carl Christian Reino, Anton Kindermann,5 Jean-Baptiste Berain, Johann Christian Bessler,
David Friedrich und Ludwig Schneider.6 Von wirklich bedeutenden Kunstlern aber scheint
einzig Anton Raphael Mengs, der ein schones Pastellbildnis des Silvestre geschaffen hat,' in
seinen Portrats von dem franziisischen Meister beeinflusst.8

1. Der Verfasser arbeitet an einer Studio liber die kiinstlerischen Grundlagen der Malerei des Louis de Silvestre.

2. Vgl.: E. dc Silvestre; Israel SUvestre et ses deseendants, Paris, 1862 (darin ein Abschnitt liber Louis de Silvestre); Gustav
Otto Muller, lergessene und halbvergessene Dresdner Kiinstler des vorigen Jahrhunderts, Dresden, 1895, S. 132 — 157; Roger
Armand Weigert; „Documents inedits sur Louis de SiKestre (1675 — 1760) suivis du catalogue de son oeuvre", Archives
de fart franęais, 17 (1932), 363-488.

3. Einige Bilder religioser Thematik beiinden sieli in den Dejłots der Staatlichen ICunstsammlungea Dresden, andere werden
in den erwabnten Publikationen genannt. Vor seiner Berafung uaeb Saebsen scheint Silvestre sich hiiufiger mit religidsen
Bildern beschaftigt zu haben. Vgl. dazu: Bernard de Montgolfier, ,,Deux snites de peintures sur la vic de Saint Benoit",
Musiies Royaux des Beaux-Arls, Bullelin, Bruxellcs, 1962, 3-4, S. 285 ff.

4. Vgl.: Magazin der Sachsischen Geschickte, Dresden, 1788, S. 559. Gottlieb Friedrich Riedel ist nicht mit den beiden Dresd-
ner Galerieinspektoren Johann Gottfried (Vater) und Johann Anton Riedel (Solin) verwandt.

5. Anton Kindermann ist der Solin des bekannten fiir August III. tatigen Bildcrkaufcrs.

6. Vgl.: Heinrich Keller, Dresdner Kiinstlerlexikon, Leipzig, 1788; Gustav Otto Muller, Yergessene und halbvergessene Dresdner
Kiinstler..., S. 154.

7. Katalog der Dresdener Galerie, P. 172; Seit dem 2. Weltkrieg vermisst; vgl.: Hans Ebert, Kriegsverlu8te der Dresdener Ga-
lerie, Dresden, 1963, S. 119; eine Olkopie des 19. Jahrhunderts im Barockmuseunt Scbioss Moritzburg. Weitere Silvcstre-
-Bildnisse von Antoine Pesne (Berckenhagen Nr. 290, gestochen von Lorenzo Zuccbi; Berckenhagen Nr. 541, Handzeieh-
nung in der Albcrtina), von Maurice Quentui de la Tour, von Charles Nicolas Cochin d. J., Handzeichnung, gestochen von
II. Watelet, Jean Valade (Bildnisse seit 1921 im Musee de Yersailles), Jean Baptiste Greuze (gestochen von Saint-Aubin);
ausserdem ein 1764, 4 Jahre nach Silvestres Tod, gezeiebnetes und radiertes Bildnis des Kiinstlers von Charles Hutin.
Sehliesslich werden in dem Anm. 2 erwahnten Buch von E. de Silvestre uoeh Pastellbildnisse des Louis de Silvestre und
seiner Gattin aus dem Jahre 1704 von Joseph Vivien erwfihnt.

8. Allerdings erinnern an Silvestre auch einige ganzfigurige Fiirstenbildnisse Anton Graffs, der aber in seinen biirgerliehen
Portrats andere, eigene Wege ging.

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