Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 8.1984

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Olaf W«b*r

Von den Faktorsn zur Form
1, Formfindung - Formerfindung?

Die architektonische Form geht aus vielen Bedingungen hervor
und ist selbst Ausgangspunkt vieler Wirkungen. Ähnlich elnem
Sammelbecken der sie umgebenden Wirkung#felder transformiert
sie die gessllschaftlichen Faktoren, die auf sie einwirken
und auf die sie zurückwirkt. In diesem Bereich. d. h. zwischen
dem, was auf die Formgebung einwirkt,und der Wirkung der Form
befindet sich der Entscheidungeraum für diejenige Tötigkeit,
die wir "Gestaltung“ nennen. Wenn man nach ihrem Inhalt fragt,
will man zuerst wissen, was der Architekt mit den Faktoren
mscht, die eine formbestimmende Potenz haben, was er dem Ge-
füge wechselseitiger Bedingtheiten hinzugibt und zu welchen
Ausdruck8qualitäten er die Fakten der Bauaufgabe führt.

Es gibt Konstantes und Verönderliches, Objektives und Sub-
Jektives auf der praktischen wie auf der ästhetischen Seite
des Entwurfes; Formen werden gefunden und erfunden; sie ent-
stammen der Realität wie der Phantasie; die Gestaltung hält
sich an Normen, seien es räumliche Verhaltensmuster oder
ästhetische Wertorientierungen, und sie bricht zugleich die
zum Klischee gewordenen Normative, wo sie der Entwicklung im
Wege stehen. Bestimmte bauliche Muster aufzugreifen oder neue
zu entwickeln - diese Entscheidung muß aus der Dialektik der
konkreten Bauaufgabe erwachsen. Gesellschaftlicher Fort-
schritt verbindet sich nicht mit den innovativen gestalteri-
schen Elementen allein, sondern steht im Zusammenhang mit
demjenigen Verhältnis von Innovativem und Hergebrachtem, das
im gesellschaftlichen Leben selbst vorherrscht.

In jeder Gestaltungsaufgabe wird ein Teil der formalen Eigen-
schaften aus den (sich wandelnden) materiellen Bedingungen
und Funktionen heraus entwickelt, ein weiterer wird dem zeit-
typischen Formenrepertoire entnommen und ein dritter Teil
wird erfunden, doch ist gestalterische Kreativität keineswegs

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