Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 3.1852

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dafür halten, dass, je mehr von allen Seiten und Kanten Licht
und Luft zugänglich; desto wohlthuender dies dem Bilde sein
wird, je weniger dagegen dieses der Fall, desto mehr jene
Wohlthat gekürzt und verkümmert wird.

Während so die Kunstschätze in äusserer Beziehung,
wie gut auch die leitende Absicht sein mag1), von der ge-
dachten Maassregel den bezweckten Nutzen offenbar nicht zie-
hen, leidet aber auch der innere Werth der Kunst. Nicht
nur wird die eigentliche Mission der Kunst nicht gebührend
erfüllt, sondern es geschieht auch dem einzelnen Künstler zu-
nächst in dessen, seinem Bilde zu Grunde gelegten Intention
Eintrag,,>— was auch im Allgemeinen kaum völlig ohne Bezug
auf das Urtheil über dessen Wesen überhaupt bleiben dürfte.
Wer will aber bestreiten, dass der Künstler das vollste An-
recht hat auf die ganze Aechtheit und auf die ganze Fülle der
von ihm gereichten Gabe? Wenn zu dieser Rücksicht schon
lediglich die Pietät gegen die Verstorbenen auffordert, um wie
viel unbedingter sind wir dem geweihten Andenken der grossen
Meister auf der herrlichen Dresdener Galerie dies schuldig!
um wie viel weniger können wir es verantworten, za ihren
Schöpfungen etwas hinzuzuthun, was ja nicht ihnen angehörte
und gegen welche unfreiwillig zu Theil gewordene Züthat jene
nicht zu protestiren vermögen!

Stellt sich nun eine Scheidewand, wie das beim Oelbilde
ungehörige und dem Sehorgane ungewohnte, wie die Sichtlich-
keit erschwerende Glas ist, zwischen das Kunstwerk und den
Beschauenden, so wird jenes geheimnissvolle Wechselverhält-
niss unwillkürlich angetastet. Der Beschauer wird nicht mehr
so frei und so leicht zum Bilde hinaufgezogen und in die Kunsl-
idee emporgehoben, wie auch wiederum der Kunstgeist sich
nicht so frei und leicht auf denselben ergiesst und ihn erfasst.
Wie indess jene unbeschreibliche Stimmung der Seele, für
welche ich schwer ein entsprechendes Wort zu finden weiss
und wofür ich am Liebsten noch die Bezeichnung: „traut"
wählen möchte, alterirt wird, so wird dadurch, dass der of-
fene Zugang, der den Beschauer gewissermaassen in die Kunst-
schöpfung selbst eintreten lässt, hier behindert und erschwert
ist, auch die Unmittelbarkeit der Emanation und Bcception ge-
stört. Nur das innigste, unmittelbarste, ungestörteste Verhält-
niss macht es möglich, einem Kunstwerke sich ganz hinzugeben.
Gelähmt ist mit einem Worte die wunderbare Gewalt des aus
dem Gemälde athmenden künstlerischen Genius.

Und um ferner das vom Künstler geschaffene Gemälde ganz
zu sein, dazu wirkt auch unstreitig neben dem geistigen das
formelle, das Farben- und Licht-Element. Man blicke z. B.
auf Raphael's unvergleichliche Sixtinische Madonna (deren un-
geschmälert gekosteten Kunstgenusses ich mich auch noch vor
der Restauration Palmaroli's zu erfreuen hafte) — ein Bild, bei
welchem zudem überhaupt das der Intention des Künstlers Wi-
derstrebende zu der angethanen Glashülle auffallender hervor-
tritt, da jene, wie auch, aus den zurückgeschlagenen Vorhängen
hervorgeht, die aus dem Geheimniss entwickelte Offenbarung
zur Anschauung bringen will. Soll hier die klare, lichte, sanfte,
innige Farbenharmonie in ihrem Zauber erhalten, sollen unter
Anderem die im zarten ätherischen Dufte nur angedeuteten En-
gelchöre nicht bedroht werden, so bedarf es doch immerhin

1) Eine solche gute Absicht der Galerie-Direction zu verkennen oder
zu bezweifeln, bin ich weit entfernt, vielmehr unterlasse ich nicht, auf eine
andere Einrichtung, welche meinen ganzen Beifall hat, als eine nur zweck-
mässige hinzuweisen. Ich meine die Aufhängung einer Anzahl vorzüglicher
holländischer Bilder an spanischen Wänden, welche von den Fenstern bis
in die Mitte der Säle errichtet sind-, — wodurch sie, auf das Vorteilhaf-
teste beleuchtet, abgesehen von der einen interessanten Vergleich bietenden
Zusammenstellung, einen wahren Genuss gewähren.

keines Glases dazu, um vermöge solchen Spiegels das durch
eine erhabene Ruhe — auch in technischer Beziehung in den
Massen — sich auszeichnende Meisterwerk im unruhig schim-
mernden Glänze der Fläche widerzuspiegeln. Der ruhige To-
taleindruck eines Gemäldes in seiner harmonischen Einheit und
Reinheit wird für den Beschauer durch ein solches Medium in
der That nicht gehoben.

So wird der wahre Einfluss auf das kunstliebende Publi-
kum aus den trefflichsten in der Dresdener Galerie befindlichen
Werken der Malerei, die doch, wie die göttliche Kunst selbst,
ein Gemeingut sind und ein so vorzügliches Kunstbildungsmittel
enthalten, von vornherein geschwächt; wohingegen man, ein-
gedenk der Worte Wilhelm v. Humboldt's: „Kunstgenuss ist
einer Nation durchaus unentbehrlich, wenn sie noch irgend für
etwas Höheres empfänglich bleiben soll", Alles anwenden sollte,
den wieder erwachten, aber noch nicht erstarkten Kunstsinn
zu fördern.

Wird nun bald der erste Kunstschatz Deutschlands durch
Uebersiedelung in das der Vollendung entgegengehende neue
Museum der allmähligen Vernichtung, welcher er unfehlbar in
dem bisherigen Galerie - Gebäude Preis gegeben sein würde,
und der, wie wir nicht befürchten mögen, er schon allzu lange
ausgesetzt gewesen ist, entrissen werden, so wird schliesslich
die sichere Hoffnung ausgesprochen, dass alsdann sofort die
Glasbedeckungen, die lediglich momentan durch die verderbliche
Lokatität motivirt erscheinen können, von den Bildern wieder
verschwinden, und wird nur gewünscht, dass sodann noch keine
Spuren nachlheiliger Einwirkung auf denselben wahrzunehmen
sind. Dr. CSaedertz.

Johann van Eycken

ist der Name eines belgischen Malers, der jetzt in der vollsten
Produktionskraft steht, dessen Werke aber nicht so bekannt
sind, wie sie es zu sein verdienen; denn unter allen jetzt le-
benden Malern Belgiens, welche sich das höhere, das religiöse
Element zur'Lebensaufgabe ihrer Kunst gestellt, ist er unstreitig
der Einzige, der, vom innigsten, wahren religiösen Gefühle
durchdrungen, mit kindlichem Frommsinne in der heiligen Be-
geisterung der Andacht schafft, und sich, nach dem Ideale rin-
gend, vom Materialismus der flämischen Schule losgesagt hat,
ohne seinem ernsten Streben die Vorzüge derselben, was die
Kunst des Malens, die Farbengebung angeht, zum Opfer zu
bringen.

Wir sind zu dieser Ueberzeugung gelangt beim Anblick
der vierzehn lebensgrossen Stationen, welche er schon vor
einigen Jahren für die Pfarrkirche Unserer Lieben Frau zur
Kapelle (Notre Dame de la Chapelle) in Brüssel vollendete, und
die, ohne Widerrede, der höchste Kunstschmuck sind, den ir-
gend eine Kirche Belgiens aus neuerer Zeit besitzt. In den
meisten dieser Gemälde steht Erfindung, frei von aller Nach-
ahmung, Ausführung und Ausdruck der Gefühle und Empfin-
dungen in der schönsten Harmonie. Wer sich vor diesen Bil-
dern nicht tief ergriffen fühlt, wer vor denselben nicht zur An-
dacht gestimmt wird, in andächtiger Wehmuth nicht mitempfindet
die Leiden des Gotlmenschen und seiner jungfräulichen Mutter,
dem hat nie das Herz für ein edles, heiliges Gefühl geschla-
gen. Wir sahen Männer und Frauen aus allen Ständen vor die-
sen Stationen Thränen des frommsten Mitgefühls vergiessen,
so wahr, so edel und zugleich so menschlich spricht sich in
denselben die Verklärung des irdischen Schmerzes aus. Vor
diesen Bildern muss man sich von der Wahrheit der Worte
des Ministers de Theux, die er vor denselben aussprach: „Ein
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