Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 3.1852

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Zeitung

für bildende Kunst und Baukunst.

Äunftblatt

Organ

der deutschen Kunstvereine.

Unter Mitwirkung von "

Kugler in Berlin — Passavant in Frankfurt — Waagen in Berlin — Wiegmann in Düsseldorf — Schnaase
in Berlin — Förster in München — Eitelberger v. Edelberg in Wien

herausgegeben von Dr. F. Eggers in Berlin.

M 49.

Sonnabend, den 4. December.

1852.

IL

Fragmente zur Theorie der Kunst.

IV.
lieber die Rahmenform.

lochst charakteristisch ist die Ausbildung und Durchbil-
dung eines bestimmten Details in der Rococo-Architektur, —
die der Einrahmung. Dies hängt, wie es. mir scheint, mit dem
inneren Wesen des Rococostyles zusammen. Die architektoni-
sche Masse, im grösseren Ganzen wie in den Theilen, hat hier
etwas quellend Bewegtes, was jenen lebendigeren Wechsel der
Erscheinung, an dem sich die malerische Wirkung entfaltet, her-
vorbringt und gleichzeitig jene innige Verbindung der freien Re-
liefsculptur mit der Masse so wesentlich begünstigt. Es ist
überall — principiell wenigstens — eine weiche Lebensfülle,
der aber doch das stets bedingende Gesetz der architektonischen
Organisirung (wie im golhischcn Baustyle) fehlt. Es ist daher
ein Element nöthig, welches dieser inneren Beweglichkeit wie-
derum Grenzen setzt. Als solches möchte ich die Einrahmungen
betrachten, denen wir an Gebäuden dieses Styles überall, wo
es etwas einzuschliessen giebt, an Facaden, Wänden, Decken
u. s. w. begegnen. In ihrer Bildung stehen sie aber naturge-
mäss nicht im Widerspruch gegen das Princip, das im Uebrigen
die Formen des Rococostyles erfüllt; vielmehr ist es eben das-
selbe Princip, was der Einrahmung hier zugleich ihre selbstän-
dige ästhetische Bedeutung giebt. Es ist in ihrer Bildung etwas
kreisend Umschwingendes, das den Begriff des ümgrenzens in
lebendig bewegter Gestalt zur Erscheinung kommen lässt. Dies
empfinden wir schon in der Profilirung solcher Einrahmungen,
welche zumeist, durchaus abweichend von der Strenge antiker
Gliederprofile, einen wellenartigen Charakter haben, gesenkt
und straffer gehalten nach dem inneren Rande, erhaben und
weicher hinausströmend nach der äusseren Seite. Doch nicht
hierin allein ist die kreisende Bewegung ausgedrückt. Im Um-
schwünge der Ecken, wo sie natürlich bei Weitem am stärk-
sten gedacht werden muss, löst sie sich, wendet nach der einen
Seite zurück, hebt für die fortzusetzende Bewegung mit cor-
respondirendem Schwünge an und bildet der Art ein Spiel von
volutenförmigeu Schnörkeln, deren feinen, wahrhaft klassischen
Schwung wir nicht selten mit Bewunderung beobachten. Dieser
Ausdruck des Rollenden wird dann auch in eigentlich orna-
mentistischer Weise noch fortgesetzt, vornehmlich durch An-

III. Jahrgang.

bringung jener muschelförmigen Rundschalen, deren Bildung
dem Volutenwesen meist so wohl entspricht. Noch andres Or-
namentistische zieht sich wohl darüber hin, gelegentlich, wie
in feinen Blumengehängen, die einen zierlich spielenden Con-
trast gegen die energische Grundform bilden, von geschmack-
voller Eleganz, oft freilich auch in die verwunderlichsten Bi-
zarrerieen ausartend. Was solcher Art an den Eckstellen der
Umrahmung seine ästhetische Bedeutung 'gewonnen hat, wie-
derholt sich dann wohl auch, mehr oder weniger ausführlich,
mitten, im Lauf länger gedehnter Linien. Man könnte sagendes
sei ein Ueberschuss an Lebenskraft, der hier zur springenden
Erscheinung komme.

-In keinem andern architektonischen Style hat die Einrah-
mung eine ähnlich selbständige Ausbildung erhalten. Ueberall
sonst ist sie entweder aus einfachen architektonischen Gliedern
zusammengesetzt, deren Bildung unter wesentlich abweichenden
architektonischen Verhältnissen erfolgt war und die, als tradi-
tionell vorhandene, sich auch diesem Zwecke fügen mussten;
oder es sind vollständig kleine Relief-Architekturen, die zum
Geschäft des Einrahmens verwandt werden, wie in solcher Weise
z. B. sehr glänzende Gemälde-Rahmen (gelegentlich auch Rahmen
von Basreliefs) in der toskanischen und der venezianischen Kunst
vorkommen. Es steht hier aber doch nur ein künstlerisches
Scheinbild an der Stelle eines künstlerischen Organes, welches
sich mit Entschiedenheit in sich selbst aussprechen muss. Es ist
bemerkenswerth, dass das letzte selbständig künstlerische Pro-
duet der Architektur in ihrer geschichtlichen Bethätigung — bis
auf die elwanigen Resultate der Bestrebungen des neunzehnten
Jahrhunderts, über welche wir in solcher Beziehung noch kein
Urtheil haben, — der Rahmen, das Einschliessende, ist.

Die allgemein übliche Wiederaufnahme der Rococobildung
für die Gemäldcrahmen hat hienach gewiss einen tieferen Grund,
als den der Mode.' Aber es wäre zu wünschen, dass die Rah-
men, statt des beliebten barbarischen Gemengsels von rococo-
arligen (und oft allerlei andern barocken) Details, auf das
Princip dieser Formenbildung zurückgeführt und dass sie zu-
gleich, — was durchaus nicht ausserhalb der Grenzen des zu
Erstrebenden liegt, — diesem Princip gemäss in einer klas-
sisch gereinigten Weise durchgebildet würden.

F. Kugler.
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