Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 3.1852

Page: 414
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Holzschnittwerke.

. Ich erwähnte neulich zweier jüngst erschienener Werke der
bezeichneten Art, die ich als ein günstiges Zeichen für die Wie-
deraufnahme der religiösen Kunst auf protestantischen Boden
ansehe. Das eine derselben

Die Episteln und Evangelien mit Summarien, Gebeten
- und Sprüchen auf alle Sonn- und Eesitage durchs ganze
Jahr, nebst einem Anhange und 84 Holzschnitten. Heraus-
gegeben vom Evangelischen Bücherverein, Berlin 1852.
Preis: ungebunden 15 Sgr. geb. 17^ Sgr., Halbfranzband
22iSgr.

ist in diesen Blättern bereits und zwar von einem so sachkun-
digen Beurtheiler wie F. Kugler besprochen1). Ich erlaube
mir indessen darauf zurückzukommen, da die dabei vorwalten-
den Gesichtspunkte durch die Vergleichung mit dem zweiten
Unternehmen in einem neuen Lichte erscheinen. Von diesem:

Hie Bibel in Bildern von Julius Schnorr von Carols-
feld. Leipzig 1852. Verlag von Georg Wiegand. Frste
Lieferung. Preis: Volksausgabe 10 Sgr., Prachtausgabe
1 Thlr. pro Lief. 2J

liegt uns zwar nur die erste Lieferung vor, nur nach dieser
können wir urtheilen. Wenn aber das ganze Werk dieser Probe
entspricht (und warum sollte es nicht), so wird es hohen Lobes
würdig werden. Vor der vor zwei Jahren bei Cotta erschie-
nenen Bilderbibel, welche übrigens sehr vortreffliche Zeich-
nungen enthält und in jeder Beziehung empfehlenswerlh ist,
wird das gegenwärtige Werk theils die bedeutend grössere Di-
mension der Zeichnungen, theils die grössere innere Einheit
und Planmässigkeit voraus haben. Diese erste Lieferung ent-
hält acht Blätter, sämmtlich Gegenstände des alten Testaments,
aber aus verschiedenen Büchern desselben genommen, vortreff-
lich erfunden, voller Gefühl, in so gelungener Ausführung des
Holzschnitts, dass sich kaum an einzelnen Stellen etwas dagegen
erinnern lässt. Die tiefe poetische Bedeutsamkeit des alten Te-
staments, die auch dies zu einem Buche der Bücher für alle
Zeiten macht, tritt uns darin in würdigster Weise entgegen.

Das erste Blatt zeigt uns den Einzug Abrahams in das ge-
lobte Land. (1 Mose Cap. 12 V. 3 u. 7). Der Patriarch mit sei-
nem Weibe und Lot reitet vor den Heerden und dem Volke,
ein Engel, der sie führt, schwebt über ihnen, Knaben, eine
Andeutung der reichen Nachkommenschaft, schreiten voran.
Abraham selbst blickt in dankbarer Freude gen Himmel, Lot
schaut, wie von der Morgensonne geblendet, mit vorgehaltener
Hand ins Land hinein, Sara wendet sich theilnehmend und be-
wegt zu ihrem Herrn. Die Beleuchtung ist vortrefflich, Schat-
ten und Licht in schönstem Maasse verlheilt; es weht Morgen-
luft durch das Bild, der Tag der Verheissung bricht an.

Das zweite Blatt zeigt Abrahams Opfer. Der so oft wie-
derholte Gegenstand ist wiederum neu, grossartig und ergrei-
fend, dargestellt.

. Das dritte, Jakob und Rahel am Brunnen (1 Mos. Cap. 20),
führt uns in das idyllische Leben der Patriarchenzeit ein; über-
aus schön ist die schüchterne Haltung des Hirtenmädchens, die
Behandlung den Mitteln des Holzschnittes vortrefflich angepasst.
Dann (BI. 4) Jakob mit dem Engel ringend, wieder überaus

1) Vergl. s 282.

2) Die Sammlung wird 240 Blätter enthalten; dieselben werden in 30
Lieferungen, jede zu 8 Blättern, ausgegeben. Jährlich sollen 5-6 liefe-
rungen erscheinen.

grossartig, die ganze Tiefe des Gegenstandes erfassend. Das
fünfte und sechste., Nathans, dem König David gehaltene Buss-
predigt (2 Sam. C. 12 V. 11) und Elias, den Sohn der Wittwe
erweckend (1 Kön. C. 17 V. 21. 22) übergehe ich, um noch auf
die beiden letzten, aus dem Buche Tobias entlehnten, aufmerk-
sam zu machen. Gewöhnlich hat man aus diesem Buche nur
die Ereignisse herausgehoben, welche sich auf die wunderbare
Heilung des Vaters beziehen. Die vorliegenden Blätter be-
schäftigen sich mit einem anderen Theile desselben, mit der
Vermählung des jungen Tobias mit der Sara. Auf dem einen
sieht, man beide beim Beginne der Hochzeitnacht im innigen
Gebete auf den Knieen liegend; die Flamme des Kohlenbeckens,
in dem nach dem Rathe des Engels die Leber des Fisches ver-
brennt, erhellt und reinigt das bräutliche Gemäch, der böse
Dämon flieht, 'schon von dem Engel gefesselt, während der alte
Vater noch in der Erinnerung an das Schicksal der früheren
Verlobten tiefbekümmert das Grab gräbt. Auf dem zweiten
Blatte ist der Segen jenes Gebetes eingetreten; die Magd hebt
auf das Gebot der Aeltern den Vorhang der Kammer und sieht
das junge Paar in unschuldiger Umarmung wohlbehalten in sanf-
tem Schlummer liegend. Die ganze Poesie dieser einfachen
Erzählung tritt hier so schön und sprechend vor Augen, dass
Mancher, der das liebliche Buch niemals oder lange nicht ge-
lesen hat, dadurch veranlasst sein wird, es wieder vorzuneh-
men und seinen heiteren und doch tief ernsten Sinn zu erwägen.
Man sieht daran, wie manche schöne Bibelstelle die vorigen
Jahrhunderte uns noch übrig gelassen haben, und wie sehr
Schnorr geeignet ist, diese Schätze zu heben.

Besonders erfreulich ist an diesen Blättern die frische, acht
protestantische Auffassung der Bibel. Unsere Zeitgenossen sind
allzusehr gewöhnt, sie sich im schwarzen Talar der Theologie,
als blosse Sonntagsfeier und Busspredigt, als einen Gegensatz
gegen das werktägliche Leben zu denken. Unseren Vätern war
sie das tägliche Brot, die Begleiterin in heiteren wie in trüben
Stunden, die Lehrerin nicht blos theologischer Wahrheit, son-
dern auch ächter Lebensweisheit. Wie auf katholischem Boden
die Kirche die Bestimmung hat, überall heiligend, weihend, zu-
stimmend hinzuzutreten, wurde in den ersten Jahrhunderten nach
der Reformation die Bibel stets herbeigezogen. Gewiss sind
bildliche Darstellungen, wenn vom rechten Geiste durchdrungen,
ein kräftiges Mittel, sie wieder so zugänglich zu machen.

Schnorr hat diesem Hefte einige Betrachtungen beigege-
ben, in welchen er sich über den Beruf und die Mittel der bil-
denden Künste, „Antheil zu nehmen an der Erziehung und Bil-
dung des Menschen", und über seine Behandlungsweise der
Gegenstände ausspricht. Es sind treffliche Worte, denen ich
besonders bei den Künstlern, an welche sie vorzugsweise ge-
richtet scheinen, recht vielen Eingang wünschen möchte. Es
stände besser um unsere Kunst, wenn recht Viele von diesem
Ernst der Gesinnung durchdrungen wären, sich in gleicher
Weise angeregt fühlten. Er führt vollkommen richtig aus, wie
die Kunst zwar nicht lehrhaft im Sinne der Predigt, aber doch
neben der Lehre des Wortes bildend, erziehend wirken könne
und solle. Ich könnte fast den ganzen Inhalt dieses Aufsatzes
unterschreiben; es würde aber hier zu weit führen, wenn ich
auf alle Punkte desselben eingehen wollte. Nur eines muss
ich herausheben. Als Vorbilder, bemerkt er, halten ihm die
grossen Meister der italienischen Kunst vorgeschwebt; sonst
überall zu deutscher Weise sich bekennend, müsse er den Wer-
ken Raphael's, Michel Angelo's und anderer Italiener den Vor-
zug vor den Werken anderer Nationen zugestehn, könne nicht
verkennen, dass sie die Deutschen an Reinheit des Styls und
an Schönheit überragten. Jenen Meistern sei es vergönnt ge-
wesen, die rechten plastischen Mittel aufzufinden und zur Reife
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