Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 3.1852

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Zeitung

für bildende Kunst und Baukunst.

Äunftblatt

Organ

der deutschen Kunstvereine.

Unter Mitwirkung von

Kugler in Berlin — Passavant in Frankfurt — Waagen in Berlin — Wiegmann in Düsseldorf — Schnaase
in Berlin — Förster in München — Eitelberger v. Sdelberg in Wien

herausgegeben von Dr. P. Eggers in Berlin.

M 32.

Sonnabend, den 7. Augnst.

1852.

Ueber das Helldunkel.

Von Friedr. Willi. Cnger in Göttingen.1)

(Aus einer „Wissenschaft der bildenden Kunst", welche demnächst bei
Ed. Vieweg in Braunschweig erscheinen wird.)

Was

Pas über das Helldunkel gesagt und geschrieben worden,
ist meistentheils wenig brauchbar, weil man sich den Begriff
dieses Kunstausdrucks selten ganz deutlich gemacht hat. Das
Wort ist dem italienischen Chiaroscuro entlehnt und ebenso in
das französische Clairobscur übertragen. Die meisten Schrift-
steller reden davon, als ob es überhaupt nur die richtige An-
wendung von Schatten und Licht bezeichne, und einige fügen
wohl hinzu, dass es die Kunst sei, Licht und Schatten mit Far-
ben auszudrücken. Einige sprechen vom Helldunkel nur in Be-
ziehung auf gewisse Lichteffekte, wie sie in Correggio's Nacht
unn in Honthorst's und Schalken's Gemälden angetroffen
werden. Wieder Andere verstehen darunter die Beleuchtung der
Schatten, wie man sie bei Rembrandt und Maes findet. Die
Holzschneider bezeichnen sogar mit demselben Ausdruck eine
besondere Art der Technik, nämlich den Druck mit zwei oder
mehreren Platten, von denen die eine mit ausgeschnittenen
Lichtern so angewandt wird, wie im Steindruck die sogenannte
Tonplatte. Zuweilen sagt man auch von Darstellungen, welche
grau in grau, grün in grün, braun in braun gemalt sind, sie
seien im Helldunkel gemalt. Der französische Ausdruck: en
camoyeux, d. h. nach Art der Kameen oder Reliefs, bezeichnet
diese Art der Darstellung weit besser.

Rafael Mengs unterscheidet zuerst das Helldunkel von der
Schattirung, indem er neben der richtigen Darstellung von
Licht und Schatten eine besondere ideale Seite dieser Darstel-
lung hervorhebt, und noch deutlicher setzt Baldastare Orsini
die Kunst des Helldunkels in die Vertheilung des Lichts und
Schattens nach grossen Massen.

Wenn dieser Kunstausdruck überhaupt eine besondere Be-
deutung haben soll', so kann man darunter nur die harmonische
Vertheilung von Licht und Schatten, die schöne Gruppirung des
Lichtes verstehen. Das Helldunkel hat daher die grösste Ver-
wandtschaft mit der Gruppirung.überhaupt, und die Grundsätze

1) Nicht zu verwechsein mit Hrn. M. Unger, Verfasser des Buches:
^Das Wesen der Malerei". Leipzig, Herm. Schuitze. 1851.
III. Jahrgang.

der Gruppirung1) sind zugleich Grundsätze des Helldunkels.
Licht und Schatten sind überhaupt das vorzüglichste Mittel, die
Gruppen von einander zu sondern, und sie sind namentlich das
Hauptmittel, um die kleineren Gruppen den Hauptgruppen unter-
zuordnen. Dennoch hat die Kunst des Helldunkels in der An-
wendung manches Besondere, und man vermisst sie in Kunst-
werken, welche durch andere Mittel, z. B. durch die Benutzung
der natürlichen Formen und durch den Unterschied der Lokal-
farben, vortrefflich gruppirt sind. Eine gewisse Vollendung in
dieser Kunst gewährt aber einen hohen Reiz. Sie Iässt Fehler
der Zeichnung, der Beleuchtung und selbst der idealen oder
charakteristischen Auffassung übersehen. Corregio und Rem-
brandt sind um ihrer Meisterschaft im Helldunkel willen bei
grossen Fehlern überaus hoch geachtet worden.

Die Kunst des Helldunkels hat übrigens nicht blos auf die
Malerei Beziehung. In der Baukunst sowohl, als in der Bild-
hauerei hängt die Schönheit ebenfalls nicht blos von der Form
und dem Verhältniss der Gruppen ab, wie es sich durch die
Gliederung darstellt, sondern vorzüglich von der Vertheilung
des Lichts in grösseren und kleineren Massen, welche dieselbe
Wirkung thut, als das Helldunkel in der Malerei. Ich werde
an einer anderen Stelle von dem Einflüsse reden, den die Art
der Beleuchtung auf die Ausbildung des Baustyles übt. In der
Behandlung der Statuen haben sich zumal die Alten sehr gut
auf das Helldunkel verstanden. Um lichte Gruppen durch tiefe
Schatten zu heben, ordneten sie die fein gefalteten Gewänder
so, dass dieselben den grossen erleuchteten Flächen, welche von
nackten oder auch von durchsichtig bekleideten Gliedern gebil-
det wurden, durch viele kleine und deshalb schattenreiche Falten
einen Hintergrund gaben, und achteten überall darauf, dass
nicht die Hauptgruppen durch die Schatten einzelner Glieder
durchbrochen wurden. Nicht schöner tritt diese Vertheilung
von Licht und Schatten hervor, als beim Fackelschein, wo die
Massen sich bei dem Mangel von zerstreutem Lichte stärker
von einander sondern und die kleineren, untergeordneten Grup-
pen in den Hauptmassen verschwinden. Die Fackel- und Mond-
beleuchtung gewährt daher bei der Betrachtung von Statuen und
Gebäuden einen ausserordentlichen Genuss. . Sie ist sogar ge-
radezu ein Prüfstein für die Trefflichkeit der Anordnung.

1) Die Grundsätze der schönen Gruppirung werden in einem anderen
Theile des Buches nach einer neuen Methode erörtert und an Beispielen aus
den Meisterwerken der Architektur, Skulptur und Malerei ausführlich nach-
gewiesen.

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