Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 3.1852

Page: 115
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Deutfdjes

Zeitung

für bildende Kunst und Baukunst.

Unter Mitwirkung von

Äunftblatt

Organ

der deutschen Kunstvereine.

Kugler in Berlin — Passavant in Frankfurt — "Waagen in Berlin — Wiegmann in Düsseldorf — Schnaase
in Berlin — Förster in München — Eitelberger v. Edelberg in Wien

herausgegeben von Dr. P. Eggers in Berlin.

M 14.

Sonnabend, den 3. April.

1852.

Ueber die Verwandtschaft zwischen der Tracht der alten
Hebräer nnd der der heutigen Araber.

jDjs ist unläugbar heutzutage bei den Künstlern ein lebhaftes
Streben vorhanden, historische Stoffe auch im Aeussern mög-
lichst kostümtreu wiederzugeben. Selbst in der biblischen Hi-
storienmalerei macht sich diese Richtung hier und da geltend.
Man erinnert sich wohl noch, wie hier in Berlin namentlich
das Menzel'sche Transparentbild: „Christus lehrt im Tempel"
auch in dieser Beziehung Gegenstand eifriger Besprechung war.
Man hielt es vielfach für zu modern, in den Köpfen sowohl,
als in der Kleidung. Es wird den Künstlern nicht uninteres-
sant sein, einen berühmten französischen Collegen üher dies
Thema zu vernehmen. Horace Vernet las in einer Sitzung
der Akademie als Mitglied derselben eine Abhandlung unter
obigem Titel, die wir im Wesentlichen nachstehend mittheilen
wollen:

„Während ich die drei Theile der alten Welt mit der Bibel
in der Hand durchwanderte, hat mich das Vorhandensein der
Sitten unserer Altväter in Staunen gesetzt. Ich fand sie in den
Gegenden, wo die Araber ihre alten Ueberlieferungen bewahrt
haben, sowie überall, wo die Juden, durch Titus aus ihrem
Vaterlande vertrieben, dieselben Sitten verbreiteten, ausgenom-
men die Anwendung des Talmud, welche sie in ihre ursprüng-
liche Verfassung einführten.

Zum ersten Male wurde ich in Algerien darauf aufmerksam,
als ich, während einer Expedition gegen gewisse Stämme der
Umgegend von Bona, unter meinem Zelte die Erzählung von der
Rebecca am Brunnen las, wie sie ihren Krug auf der linken
Schulter trug und denselben auf ihren rechten Arm gleiten
Hess, um den Eleasar trinken zu lassen. Diese Bewegung schien
mir schwer versländlich; ich blickte ins Freie und was sah ich?
Eine junge Frau gab einem Soldaten zu trinken und wiederholte
genau das, was ich mir zu erklären suchte. Von dem Augen-
blick an fühlte-ich in mir den Wunsch, so weit wie möglich
den Vergleich zu verfolgen zwischen der heil. Schrift und den
noch jetzt bestehenden Gebräuchen der Völker, welche stets
unter dem Einiluss der Ueberlieferungen lebend, den der Neue-
rungen vermieden haben. Auf diese Weise habe ich eine Menge
Beobachtungen zusammengestellt, welche hier, bis ins Detail zu
verfolgen, zu weit führen würde. Ich werde daher nur von
einigen reden, und um sie durch eine andere Autorität als die

III. Jahrgang.

meinige zu unterstützen, werde ich gelehrte Beläge von Dom
Calmet, dem Dr. Shaw u. s. w. anführen; endlich werde ich sie
durch materielle Beweise, durch Gegenstände in natura, so wie
durch gewissenhafte, zu diesem Zweck gemachte Zeichnungen
bekräftigen.

Als Probe lege ich ein Gemälde vor, die Ansicht des We-
ges vorstellend, welcher von Jericho nach Jerusalem führt; ich
habe in demselben die Parabel des barmherzigen Samariters
dargestellt. Alles, was die Form betrifft, ist modern und doch
nichts Neues, weil es ganz mit den Belägen, welche bis auf
uns gekommen sind, übereinstimmt. Seit langer Zeit bemühe
ich mich vergeblich, die Augen an eine Neuerung zu gewöh-
nen, welche zur Wahrheit zurückführen würde und welche,
ohne die Poesie der heil. Schrift zu ändern, derselben im Ge-
gentheil neue Quellen öffnen würde. Den geringen Erfolg, wel-
chen ich bisher erhalten, erkläre ich mir folgendermaassen:
Meine Richtung in der Kunst ist vielleicht nicht von der Art,
um meinen Beobachtungen über diesen Gegenstand eine ent-
scheidende Autorität zu geben, meine Bemühungen sind also
so zu sagen fruchtlos gegen Gegner, welche sich in ihren ge-
lehrten Studien den höheren Regionen der historischen Rich-
tung zugewandt haben. Nichts desto weniger scheinen mir die
Widerlegungen, welche sich einzig auf das Beispiel der gros-
sen Meister stützen, wenig überzeugend, und, beiläufig ge-
sagt, ]ege ich noch weniger Gewicht auf die der Presse und
namentlich eines Artikels des Archäologen Herrn Lenormand,
welcher in einem seiner Aufsätze über die Ausstellung mich
fragt, warum ich die Bibel arabisire. Ich kann darin nur
einen Beweis zu Gunsten des Schlendrians finden, und ich
möchte fragen, warum die Vorwürfe, aus der Geschichte der
Juden entnommen, nicht denselben Modifikationen unterworfen
sein sollen, als die aus der griechischen und römischen Ge-
schichte. Ich bitte hier die Bruchstücke von Briefen zu hören,
welche ich in Syrien unter dem Einfluss der Oertlichkeiten,
die ich durchwanderte, an einen meiner Schüler schrieb.

„Wir haben Aegypten verlassen, um das gelobte Land zu betreten.
Nachdem ich die Bibel unter den Arabern unserer afrikanischen Be-
sitzungen gelesen, und die Beobachtungen des Dr. Shaw über die Yer-
wandscbaft zwischen den jetzigen Bewohnern der Wüste und den Pa-
triarchen des alten Testamentes begründet gefunden, bin ich jetzt in
dem Lande selbst, wo so viele Ereignisse geschehen sind, wo Moses,
Jesus und Mahomet den menschlichen Geist durch alle Mittel, welche
die Einbildungskraft exaltiren können, in Staunen setzten. Nicht ohne

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