Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 3.1852

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Iygonen hohen Chore ist mit einfach rollien Steinen ausgeführt
und hat den am Schweriner Dom und in Doberan vorkommen-
den Bogenfries. Wahrscheinlich liegt also zwischen diesem
Theile und dem übrigen Mauerwerk eine lange Unterbrechung
des Baues. Sämmlliche polychrome Partieen des Gebäudes er-
mangeln jeder andern Verzierung, sogar der Dachfriese, und
obwohl die gelben Steine durch Nachdunkeln in eine prächtig
wirkende Harmonie mit den schwarzen Steinen getreten sind,
die gewiss als der Bau noch neu war fehlte: so zeigt doch
diese rein dekorative Behandlung durch horizontale Farbstrei-
fen, die der ganzen aufsteigenden Richtung der Gothik wider-
sprechen, dass man den streng architektonischen Sinn, der auch
im Ornamentalen das Struktive darzulegen weiss, mit einem
oberflächlichen Gefallen an buntem Farbenwechsel und male-
risch colossal gethürmten Massen vertauscht hatte. Dieses Bau-
Ungethüm, imponirend wie es ist, wird doch niemals schön
genannt werden können.

Die Bedachung des Kapellenkranzes folgt den mehrfach
bereits erwähnten Mustern; die Strebebögen fehlen, doch sieht
man die Verzahnungen, welche auf die beabsichtigte Anlage
derselben deuten. Die Fensterstäbe haben durchaus runde Pro-
filirung und schliessen nach oben in der hier zu Lande wie #s
scheint überall angewendeten rohen Form von drei durch einen
Bogen umspannten Spitzbogen. Der reiche polygone Schluss
des riesig hohen Kreuzarmes ist die glänzendste Partie des
Aeusseren: doch hat auch die südliche Giebelwand des Kreuzes
mit dem mächtigen sechstheiligen Fenster, das an jeder Seite
durch ein eben so langes, aber schmaleres begleitet wird, viel
Grossarliges. Die Strebepfeiler laufen hier in achteckige Thürm-
chen aus; der Giebel hat Verzierungen von lasirlen Formstei-
nen, Blenden, Rosenfenster etc. An die Seitenschiffe des Lang-
hauses legen sich mit eingezogenen Strebepfeilern, wie bei den
Wismarschen Kirchen, Nebenkapellen.

Eine Thurmanlage, die ehedem als zweites Kreuzschiff
herausgetreten sein muss, schliesst in grossarliger Weise den
Bau. Ursprünglich erhob sich aus niedrigeren Seitenflügeln
hier ein mächtiger viereckiger Thurm. Man erkennt diese älte-
sten Theile des Gebäudes noch jetzt an dem einfachen Materiale
des rolhen Ziegelsteines, so wie dem bekannten Bogenfries,
den selbst die Ostpartie des Chores noch zeigt. Drei Portale
führten von hier aus in die Kirche. Das mittlere, über wel-
chem ein grosses Fenster, ist vermauert. Später aber hat man
die Seitenflügel beträchtlich höher hinaufgeführt, so dass jetzt
eigentlich drei Thürme vorhanden sind, die indess eine zusam-
menhängende Masse darstellen. Der mittlere ragt jedoch etwas
über die andern empor, und wenn man statt der jetzigen ver-
zopften Spitze sich drei schlank ansteigende Helme denkt, da-
von der mittlere höher hinaufreichen müsste, wie in Erfurt:
so würde die Wirkung eine sehr kühne, imposante sein. Wahr-
scheinlich war ursprünglich die Anlage so. Das Material der
späteren Thurmtheile unterscheidet sich eben so sehr von dem
des unteren Baues, wie der Kirche: rothe Steine wechseln näm-
lich mit schwarz Iasirten in einfachen Lagen. Jeder Thurm ist
durch Friese in mehrere Stockwerke getheilt, deren einzelne
Felder durch drei grosse spitzbogige Blenden ausgefüllt sind.
Jede Blende umfasst zwei spitzbogige Schallöffnungen und über
denselben eine Rundblende, die wahrscheinlich zur Ausfüllung
mit Ornamenten bestimmt war. Diese Anlage, so wie das Ma-
terial veranlassen mich zu der Annahme, dass die Vergrösse-
rung der Thurmanlage dem Neubau der Kirche bereits vorher-
gegangen war: demnach möchte sie um die Mitte des M.Jahr-
hunderts stattgefunden haben, während der Unterbau der Zeit
um 1300 angehören dürfte. Bemerkenswert« ist, dass die in

Lübeck und Pommern beliebte Anlage von Doppelthürmen
in Mecklenburgs alten Bauwerken niemals vorkommt.

Ziehe ich die Summe der Resultate aus den voraufgegan-
genen Betrachtungen, so scheint sich zu ergeben, dass bereits
auf der Grenze des 13. und 14. Jahrhunderts in Mecklenburg
gothisch gebaut wurde. Dass jedoch die Anlagen aus jener Zeit
durch wesentlich hervorragende Eigenthümlichkeiten sich von
denen anderer Länder unterschieden hätten, möchte ich be-
zweifeln. Erst mit der Klosterkirche von Doberan, die für die
Folgezeit den Ausgangspunkt und für die ganze Gothik dortiger
Gegenden die höchste Blülhe darstellt, tritt jene selbständige,
kühne Entwicklung auf, die zwar offenbar ihre Grundmotive
fernher entlehnt hat, jedoch mit charakteristischer Umprägung
derselben. Nach dem Vorbilde dieser Kirche bauten nun im
Wetteifer die reichen Städte des Landes in der besten Zeit
ihrer Macht und ihres Glanzes die alten wahrscheinlich gerin-
geren Kirchen um. Zuerst folgte Wismar mit seiner 1339 be-
gonnenen Marienkirche (Chor 1339 —1354); sodann der Schwe-
riner Dom, von 1365 an, das einzige Gebäude, das an Gross-
arligkeit der Conception, an Harmonie der Raumtheilung die
Doberaner Kirche übertrifft, während es gleich den übrigen an
Durchbildung des Einzelnen weit hinter jenem trefflichen Mu-
ster zurückbleibt. Darauf folgt Wismar mit seiner Nicolaikirche
(1381 — 1386, 1437—1460), und kurz darauf Rostock mit der
Marienkirche (1398—1472). Suchten die Cislerzienser mit lie-
bevoller Sorgfalt ihr Gotteshaus so edel durchzubilden, so har-
monisch zu vollenden, wie es ihre geistigen und materiellen
Mittel gestatteten: so spricht dagegen aus jenen bürgerlichen
Bauten mehr die Absicht, durch Kolossalität aufgethürmter Mas-
sen, durch Ueberladung mit Schmuck einander zu überbieten. Die
Bauwerke athmen den ganzen Trotz und Stolz jener gewaltigen
Städte, den mächtigen Geineinsinn, den kühnen Freiheitsdrang.
Aber es weht zugleich Etwas in ihnen von jenen Eigenschaften,
die zuletzt den Sturz der blühendsten Städte herbeigeführt haben.
Wie das zum Extrem entartete Pochen auf die eigne Kraft, die
reichen Hülfsquellen; wie die damit nothwendig verknüpfte Rich-
tung auf Aeusserliches, auf leeren, prunkenden Schimmer: also
gemahnt uns die übertriebene Massenentfaltung und der dekorative
Aufputz jener riesigen Bauwerke. Wie zuletzt überall eine patri-
zisch-aristokratische Partei sich so weit über die Mehrzahl der
Mitbürger erhob, dass jeder Gemeinverband endlich dadurch auf-
gelöst, jedes friedlich-gedeihliche Zusammenwirken gestört und
die Kraft der Gesammtheit zerbrochen wurde: so erscheint uns
die ungebührliche Ueberhebung des Mittelschiffes über die die-
nenden Abseiten, die ebenfalls das architektonische Gleichgewicht
aufhebt, das Zusammenwirken, den harmonischen Einklang der
Theile bricht und jede befriedigende Wirkung verhindert.

Ich bescheide mich gern, nur ein winziges Fragment der
Baugeschichte des Landes gegeben zu haben, wenn gleich die
hervorragendsten Monumente Mecklenburgs zur Besprechung ge-
kommen sind. Nach allen Privatnachrichten, die ich erhalten, so
wie nach den zahlreichen Angaben, die man in den mehrfach er-
wähnten Jahrbüchern trifft, muss das ganze Land überreich an
Bauwerken der verschiedenen Epochen sein. Namentlich soll die
Uehergangszeit sehr reich vertreten sein, wie in Deutschland
überall. Auch gibt es im Lande selbst kunstverständige Männer,
die genug Interesse und Kenntniss für diese Dinge besitzen. So ist
es der Architekt Thormann in Wismar, der eine schöne Samm-
lung guter Aufnahmen von mecklenburgischen Bauwerken be-
reits angelegt hat. Möchten diese Zeilen doch zu einer genauen
Durchforschung und Veröffentlichung der dortigen Kunstdenk-
mäler Veranlassung geben.

Verlag von Rudolph und Theodor Oswald Weigel in Leipzig. — Druck von Gebr. ünger in Berlin.
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