Ehmer, Hermann ; Stadtarchiv <Schwäbisch Gmünd> [Editor]
Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd — Stuttgart, 1984

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Politik, Krieg und Reichsstadt — Strukturen im 17. Jahrhundert

geradezu kritisch. Zu Beginn des Jahrhunderts waren die Preise für landwirtschaft-
liche Erzeugnisse, nach einem wahren »fievre agricole«, vorübergehend gefallen. Es
war dies Ausfluß einer deutlich veränderten Marktlage. Das erste Mal herrschte in
Europa ein deutliches Überangebot an Lebensmitteln.115
Anfang des Krieges aber stiegen die Preise konjunkturbedingt — und blieben wäh-
rend der ganzen ersten Hälfte des Jahrhunderts durch gesteigerte Nachfrage (Versor-
gung der kriegführenden Parteien) extrem hoch. Trotz exorbitanter Verkaufspreise
erlitt die landwirtschaftliche Produktion durch Kriegsverheerungen fast einen tota-
len Kollaps.116 Der offensichtlichen Verteuerung suchte man durch Ausgabe schlech-
ten Geldes (»Kipper- und Wipperzeit«) zu begegnen.117 Die Folge — die sich auch
bereits 1620 auf dem Gebiet der Reichsstadt abzuzeichnen begann — war die Hor-
tung guter Münzsorten, vornehmlich von Gold. Spekulationsgeschäften mit Gold-
währung standen Tür und Tor offen, Münzfälscher suchten auch auf dem Territori-
um der Reichsstadt ihre »verbesserte Ware« loszuwerden.118 Für ein gemeines Bau-
ernpferd mußte man um 1622 in Gmünd 400 Taler bezahlen, der Spekulationswert
für ein Paar Ochsen stieg sogar auf 900 Gulden.119 Zur gleichen Zeit machte sich die
rasante Kursverschlechterung der ausgegebenen kurrenten Münzen bemerkbar.
Anfang 1621 fiel der Dukaten, bisher 20 Gulden wert, in einem Monat auf 9 Gulden,
der Reichstaler, bisher mit 16 Gulden bewertet, auf 6 Gulden.120 Noch zweimal
während des Krieges, in den Jahren 1626 und 1634, machten sich Teuerung und
Münzverfall nachdrücklich bemerkbar. Für die Versorgung der Bevölkerung und
den allgemeinen Gesundheitszustand infolge mangelnder Ernährung mußte das Wir-
kungen zeigen. »Mit Eicheln, Brot aus Mühlenstaub, Kleie, Nesseln, Schnecken,
Schwämmen, Wurzeln, Mäusen, Hunden, Katzen, gefallenen Pferden wurde das
Leben gefristet.«121 Unzureichende Hygiene und dieser allgemeine Mangel führte
folgerichtig im Oktober 1634 zum Ausbruch der Pest, des allseits gefürchteten
Schwarzen Todes.122 Als die Epidemie im November 1635, also etwa nach 13 Mona-
ten Dauer, abklang, waren 983 erwachsene Menschen gestorben, etwa zwölfmal
soviel als sonst in einem solchen Zeitraum. Vorsichtige Schätzungen — verstorbene
Kinder wurden nicht im Totenbuch verzeichnet — beziffern den Gesamtverlust auf
ein Drittel der Gesamtbevölkerung Gmünds.
Die Pest und ihre grausamen Folgen haben lange das Bewußtsein der Menschen
geprägt: Pestkreuze und Pestprozessionen zur Erinnerung und Abwehr waren ein
beredter Ausdruck dafür.123 Sogar in der reichsstädtischen Verwaltung fand diese
Haltung noch über die Jahrhundertmitte hinweg Ausdruck, wenn Bediensteten in
Zeugnissen ihre gesundheitliche Integrität mit den Worten attestiert wurde: das God
Lob in langen Zeiten und Jahrenn hero bis dato bei unns einige Contagion oder
anfallende Erbsucht (d. h. ansteckende Krankheiten, Pest) nit grassirt. . .124
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