Ehmer, Hermann ; Stadtarchiv <Schwäbisch Gmünd> [Editor]
Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd — Stuttgart, 1984

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Politik, Krieg und Reichsstadt — Strukturen im
17. Jahrhundert

von Klaus Jürgen Herrmann

Gmünd im Dreißigjährigen Krieg
Die Anfänge
»In disem Jahr«, so vermeldete der Chronist Friedrich Vogt die Kampfhandlungen
im Gmünder Gebiet zum Jahr 1619 am Anfang des Dreißigjährigen Krieges,1 »ligt
die ganze württembergische Kriegsheer um Gmünd herum«.2 Es war dies auch für
die Reichsstadt im Remstal die Folge einer sich zuspitzenden Krise internationalen
Formats. Der böhmische Aufstand, die Einsetzung Friedrichs von der Pfalz als
Gegenkönig in Böhmen und Mähren,3 hatte die latent vorhandenen Spannungen
zwischen Altgläubigen und Protestanten im Reich zum politischen wie militärischen
Ausbruch gebracht. Zwei beinahe gleichgroße Machtblöcke standen sich in dieser
Konfrontation gegenüber: Die Reichsstadt Schwäbisch Gmünd hatte sich in diesem
1619er Jahr der 1608 gegründeten katholischen Liga »zur Verteidigung und Erhal-
tung der wahren katholischen Religion, zur Fortpflanzung des gemeinen Friedens,
zur Abwendung besorgter Gefahr und zur Handhabung der Reichsordnung«4 ange-
schlossen, ein Schritt, den das der protestantischen Union angehörige Württemberg
als offenen Affront und Kriegserklärung betrachtete.5
Am 6. September 1619 erfolgte die württembergische Invasion auf Gmünder Terri-
torium von Lorch aus;6 am folgenden Tag marschierte das württembergische Kriegs-
volk zwischen 7 und 8 Uhr morgens mit brennenden Lunten in die offene, nicht ver-
teidigte Stadt ein. Die durchaus der Gmünder Sache verschriebenen Chronisten
konnten sich nicht genug tun, die Greuel der Soldateska zu schildern: Kirchen und
Pfarrhöfe übergeweltiget, Sacristey und Tabernacul erbrochen, die Heiligtumber und
priesterliche Kleydungen . . . geraubet, die Bildnußen der Heiligen entunehret, die
Altar zerschlagen . . 7 In einem Faszikel von 73 Folien faßte später der reichsstädti-
sche Magistrat die Beschwerden über diesen Überfall zusammen.8 Weniger die wohl
übertriebenen Schilderungen der Schändungen sakraler Gegenstände durch rohe Sol-
datenhaufen erzürnte da den Gmünder Magistrat und die Bürgerschaft, als vielmehr
die Einstellung des Kommandierenden der Okkupationsarmee, der, auf die Verwü-
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