Ehmer, Hermann ; Stadtarchiv <Schwäbisch Gmünd> [Editor]
Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd — Stuttgart, 1984

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Frömmigkeit, Fresken und Filigran,
Kulturelles Leben im 17. und 18. Jahrhundert

von Hartmut Müller

Tod und Teufel standen an den Abschrankungen und kassierten von jedem Besucher
zwei bis drei Kreuzer Eintrittsgeld. Die ganze Stadt war auf den Beinen, eine große
Menschenmenge schob sich durch die Gassen zum nördlichen Münsterplatz. Es war
der Abend des Gründonnerstags. Dicht gedrängt standen mehrere hundert Zuschau-
er in erwartungsvollem Schweigen. Neben dem Eckpfeiler der Heiligkreuzkirche,
unmittelbar vor der Fassade der Lateinschule war die große erhöhte Bühne aufge-
baut. Sie bestand aus zwei breiten Hinterbühnen und zwei schmäleren Öffnungen
als Eingänge. Die tempelartigen Gebäude mit Eingängen, die durch Vorhänge
geschlossen waren, standen auf der Bühne. Links davon sah man den Ölberg.1 Die
Stadtmusikanten hatten Platz genommen, der »Direktor musices« trat vor das
Orchester, und eine feierliche »Overtura« erklang. Dann betete einer der Mitspieler
das Vaterunser und das Credo, der Dekan schloß die Andacht mit den Worten: Im
Namen Jesu fanget an,2 die Vorhänge öffneten sich, und das Spiel von der Passion
des Herrn nahm seinen Anfang. Vor die andächtige Menge trat Christus mit seinen
Aposteln und betete zu seinem himmlischen Vater:
Sieh Vater! sieh herab vom Thron,
Mein Stund bereits erscheint!
Verklär nur deinen liebsten Sohn,
Mit deinem Willen stets vereint!
Ich hab ja von des Himmels Saal
Mich auf die Erd begeben
Und gführt in diesem Jammerthal
Ein armuthvolles Leben.3
Das Gmünder Passionsspiel war berühmt, es gehörte zu den größten und bekannte-
sten Volksschauspielen in Schwaben. Vermutlich reichen seine Ursprünge zurück in
das 17. Jahrhundert.4 Das erste untrügliche Zeugnis für die Existenz des Passions-
spiels findet sich in der Chronik des Gmünder Stiftpropsts Franz Xaver Debler
(1726 —1802): Am 30. Juni (1727), so schreibt er, »ist Johann Gfrereisen . . . ein gro-
ßer Eiferer und Beförderer der Kahrfreytags Tragödie . . . gestorben«.5 Das Spiel ist
in drei handschriftlichen Texten aus den Jahren 1769, 1783 und 1798 überliefert. Im
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