Fliegende Blätter — 36.1862 (Nr. 861-886)

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Das Tafeltuch der Seligen.

Der vierundzwanzigste Dezember, sonst überall ein Tag
freudiger Erwartung und geschäftiger Aufregung, ein Tag
voller Heimlichkeit und Hast, war im Jahre 1850 auf dem
: Gute des Grafen Kronen still und düster. Wohl war Grund
! zu der Trauer, die auf Allen lastete; waren doch kaum vier
Wochen vergangen, seit die kalte Hand des Todes hineinge-
grisfen hatte in den traulichen Familienkreis und die Hausfrau
mit sich hinweggenommen. Ein Herz stand still, dessen liebe-
volles Klopfen Allen im Hause ein Quell der Freude gewe-
sen, und die Lebenden lauschten in tiefem Schweigen, ob nicht
der leise Schritt der Todten sich wieder vernehmen lasse, ihr
freundliches Wort die unheimliche Stille unterbreche und Alles
nur ein trüber Traum gewesen, dem jnbclvolles Erwachen fol-
gen müsse. Aber nein! der kalte Schnee deckte mit weißer
Hülle den Grabhügel, unter dem die Entschlafene lag — im
Garten, wie sie es gewünscht. Die Bäume standen mit ihren
weißbereistcn Zweigen daneben, und das goldne Sonnenlicht
tanzte aus den tausend Krystallen und warf spielend farben-
gltthende Funken nieder auf den Schnee und bemühte sich, die
Blicke der Trauernden empor zu ziehen von der kalten Erde
zum sonnigen Himmel, der ewigen Heimath des Lichtes und
der Liebe.

In einem Zimmer des Schlosses stand vor dem Grafen
Kronen die alte Marie, die treue Wärterin der sechs Kinder.

Ihr Alter und ihre Anhänglichkeit an das Haus und seine
Insassen, hatte ihr eine freiere Stellung gegeben, die sie nicht
selten in Anspruch nahm; so auch heute. Belauschen wir ein
wenig ihr Gespräch. Marie fuhr in ihrer begonnenen Rede
fort: „Und ich sage, Herr Graf, cs ist unmenschlich und un-
christlich obenein, Weihnacht feiern zu wollen in einem Trauer-
hause; das kann nur ein steinernes Herz Vorschlägen, und ich
Putze den Christbaum nicht, das erkläre ich hiermit, und sämmt-

liche Dienstboten wollen es auch nicht! Sehen Sie, Herr Graf,
wir sind nur geringe Leute, aber in unsrer Brust wohnt Liebe
zu der Seligen; wir haben uns das ganze Jahr gefreut auf
Weihnachten und unser Festgeschenk, woran es unsre gnädige
Herrschaft ja nie hat fehlen lassen, aber wir können es nicht
mitansehen, wie Alles, in schwarzen Krepp geputzt, froh ist.
Kinder sind Kinder und verstehen es nicht besser, jedoch Coin-
tesse Anna und Fanny, die fühlen es schon, und den Andern
muß man früh Anstand lehren! Kurz und gut, Herr Graf,
es schickt sich nicht und ich helfe nicht dabei. Die Selige
müßte sich ja im Grabe umdrehcn!" —

Der Hausherr hatte schweigend diesen Redestrom über
sich ergehen lassen, benutzte aber die nun eingetretene Pause
zu der kurzen Frage: „Marie, willst Du mir wirklich nicht

helfen, den Willen meiner theuren Frau getreulich zu erfüllen?"
Marie stutzte. „Den Willen der gnädigen Frau?" rief sie
aus, „o Gott, ich wäre ja nicht wcrth, länger hier zu stehn,
wenn ich das nicht wollte." — „Nun," fuhr Kronen fort,
„so bereite im Saale alles zur Feier. Sie hat es gewünscht,
damit ihren lieben Kindern keine Freude entgehe, die Men- .
schenhände ihnen zu bereiten vermögen." Die Alte faltete die
Hände: „Gott segne unsre gnädige Frau! Ach ja, die ar-

men Kleinen dürfen nichts durch unsre Trauer verlieren, ich
werde gleich Anstalt machen." Damit verließ sie das Zim-
mer. Ernst blickte ihr Kronen nach; „Liebe wirkt fort und
fort in alle Ewigkeit," sagte er leise vor sich hin- „die Liebe
welche Du errungen, theurcs Weib, läßt Deinen Kindern heut

ihren Christbaum strahlen, allem Aberglauben zum Trotz!" _

Die veränderte Ansicht der alten Marie über die abend-
liche Bescheerung wirkte günstig auf alle Dienstboten. Von
der Schließerin bis zur Bichmagd, von dem Inspektor bis
zum Hirten beeiferten sich Alle, das Haus festlich zu schmücken.

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