Furtwängler, Adolf
Die Aegineten der Glyptothek König Ludwigs I. nach den Resultaten der neuen Bayerischen Ausgrabung — München, 1906

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I. Die erste Auffindung, die Erwerbung

und Aufstellung der Ägineten in der

Glyptothek König Ludwigs I.

So oft wir auch, wenn wir die Schicksale betrachten,
welche die Meisterwerke antiker Kunst betroffen haben,
über die Mißgunst des Zufalls klagen müssen, so ist es
uns doch zuweilen auch vergönnt, uns zu freuen über
eine glückliche Fügung, die der barbarischen Zerstörungs-
sucht vergangener Jahrhunderte einen Schatz zu entziehen
gewußt hat.

Eine dreifach glückliche Fügung ist es, die uns ver-
stattet, ein großes Werk altgriechischer Skulptur, die
beiden Giebelgruppen des Tempels der Aphaia auf Aegina,
eine Schöpfung von der höchsten Feinheit und Vollendung,
noch in annähernder Vollständigkeit zu genießen.

Zunächst ist es die Einsamkeit der Lage des Tempels,
die ihn beschützt hat. Er steht auf waldiger Höhe (Tafel 1),
die nach zwei Seiten auf das Meer hinausblickt, nach
den anderen Seiten von Wald und Berg umgeben ist.
Im früheren Altertum war die nahe Bucht und waren
die nächsten Täler dicht besiedelt. Doch schon in der
späteren griechischen, noch mehr in der römischen Zeit
war die Gegend verödet; und auch all die folgenden
Jahrhunderte entstand hier kein regeres Leben. Der
Tempel mit seinen köstlichen Skulpturen muß lange ruhig
und ungestört gestanden haben; die starke Luftverwitte-
rung an den Marmoren ist ein Beweis dafür; bis end-
lich auch er in Trümmer sank und zur Ruine wurde.

Und auch diese stand lange. Wohl wurde manches
Stück weggeschleppt und zerstört; doch was unter den
schützenden großen Bautrümmern lag, blieb unversehrt.
Und nun kam die zweite glückliche Fügung: daß dieser
Schatz nicht rohen Barbaren, die den Marmor zerschlagen
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