Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

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Ornament auf dieser Stufe also besteht aus Formen reduzierter Ver-
tikalität, die durch Verschiebung zu horizontalem Zusammenschluß
verbunden sind.
Dieses Rielbogenmotiv teilt noch mit dem gotischen Ornament,
daß es nur seitlich in ununterbrochener Folge fortgesetzt werden kann.
Denn wenn man die Formen nach oben und unten fortsetzte, d. h.,
die Halbkreise zu Vollkreisen ergänzte, würden in sich ruhende
Formen übereinanderstehen, die in ihrer Unbewegtheit dem Charakter
der Sondergotik völlig widersprechen. In der zweiten Hälfte des
-5. Jahrhunderts wird das Lielbogenmotiv in der Weise erweitert,
daß man Rielbogen gegen Rielbogen setzt, so daß lauter Zwiebel-
formen zwischen den fassenden Horizontalen stehen. Das Motiv
wird kompliziert und bereichert, indem man jede zweite Form um 90°
dreht, so daß liegende und stehende Formen wechseln in vielfältigem
Bewegtsein bei Ausschaltung einer bestimmten Richtung. (Nürnberg,
Lorenzkirche und von hier aus häufig in der Nürnberger Profan-
architektur. Doch auch überhaupt in ganz Süddeutschland heimisch).
Das ist die Entwicklung, die das Motiv durchmacht, um in seiner
Kompliziertheit der verwöhnten sondergotischen Optik zu genügen.
Die Möglichkeit, das verschlungene Rielbogenmotiv in endlosem
Rapport fortzuspinnen, unterstützt die Flächenbetonung. Der Cha-
rakter des flächig Treibenden verbindet dies architektonische Orna-
ment mit dem freizügigen Pflanzenornament der Sondergotik. Man
kann es nach allen Seiten beliebig fortsetzen; ein teppichartiger
Anblick bleibt gewahrt und die Rahmung aller Seiten wird immer
etwas willkürliches behalten.
Ls ist indeß sicher, daß der malerische Schein einer in der
Fläche sich abspielenden Bewegung nicht allein ausgenommen wurde,
sondern ebensosehr die Erstreckung so und so vieler sich windender
richtungsverschiedener Linzellinien, wobei das Auge nicht verpflichtet
war, eine Gesamtform zusammenzusehen, sondern bei der ersten
Kreuzung der Linien willkürlich in die neuen Sehbahnen über-
gleiten konnte.
Daß in der Tat die Linzellinien in ihren ununterbrochenen Gleiten
gesehen wurde, kann man auch noch aus der Modifizierung zurück-
schließen, die das verschlungene Rielbogenmotiv in der Renaissance
erfuhr. Seiner rein symmetrischen Anlage, die zum Wesen aller
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