Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

Page: 136
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Da dieses Mauerstück, das sich in den Gesamt-Proportionen
und der Profilzeichnung der Wasserschläge von dem neuen Mauer-
werk unterscheidet, genau dem südlichen Anbau gegenüberliegt, darf
man den Schluß ziehen, daß hier die gleiche raumerweiternde
Anlage geplant war. Das aber heißt nichts anderes, als daß
man in Pirna der Raumwirkung Annabergs gleichzukommen, ja
womöglich sie noch zu überbieten suchte.
Noch freier und luftiger waren die Raumverhältnisse bei der
Marienkirche in Pirna gedacht. Denn hier entbehrten die seitlichen
Schiffe in ihrer dem Mittelschiff gleichen Breite ursprünglich der
Emporen. Man mag es als eine Altertümlichkeit empfinden, daß
hier die Strebepfeiler nach außen starren und nicht ins Innere
gezogen die organischen Stützen der Emporen bilden.
Denn die späteren Lmporeneinbauten bleiben ein Kompromiß.
Aber wenn auch für den Außenanblick das Gewimmel der auf-
einanderfolgenden Strebepfeiler von fast gotischer Hast erfüllt ist,
für den Innenraum bietet sich dadurch, daß die Strebepfeiler zu
beiden Seiten des mittleren Lhorpolygons nicht wie in Annaberg
eingezogen sind, die Möglichkeit, die leichten Brechungen des
Gesamtchors als schwingende Kurve einer einheitlichen Raum-
bewegung zu erfassen.
wie ein vom Winde leicht gekräuseltes Wasser zieht die Decke
über den Raum hin und brandet in strudeliger Auflösung der
kurvigen Rippen aus der Chornische zurück, die der flutenden Be-
wegung entgegensteht. Und diese undulierenden Rippenschwünge
wirken noch stärker, weil sie nicht nur auf den Aussprung des
mittleren Chorpolygons beschränkt sind, sondern sich in einem
stumpfen Dreieck gegen das Mittelschiff vorschieben, wodurch ein
flüchtiger Blick veranlaßt sein könnte, das (Querschnittprofil als
noch leicht spitzbogig anzunehmen, während die Grundform des
Gewölbes doch durch eine reine Halbkreistonne mit Stichkappen
gebildet wird (vergl. (Querschnitt S. 34). Die sondergotische Vor-
stellung der hängenden Decke wird hier noch dadurch veranschau-
licht, daß naturalistische Baumstämme gegen die Pfeiler herab-
hängen, an denen wilde Männer klettern (Tafel s). Es ist der
Moment, wo die Sondergotik ihre reinste Ausbildung gewann,
und der Phantasiereiz des über dem Raum hinrauschenden Ge-
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